Schweriner Architekt prägte deutsche Baugeschichte im Nationalsozialismus
Der Name Friedrich Tamms steht auf der Liste bedeutender Persönlichkeiten der Stadt Schwerin: Geboren 1904, gestorben 1980, Architekt. Doch sein Porträt fehlt bis heute. Der gebürtige Schweriner verließ seine Heimatstadt bereits nach dem Abitur 1924, um in München Architektur zu studieren. Was macht diesen Mann so bedeutsam für die deutsche Baugeschichte? Seine Arbeit prägte entscheidend das Bauwesen entlang der deutschen Autobahnen und hinterließ monumentale Spuren aus der NS-Zeit.
Vom Brückenbauamt zu den Reichsautobahnen
Nach seinem Architekturdiplom 1929 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg – wo er unter anderem mit Albert Speer studierte – begann Tamms seine Karriere im Berliner Brückenbauamt. Die Zeit war geprägt von massiven Infrastrukturprojekten: Nach der Machtübernahme 1933 beschleunigten die Nationalsozialisten den Autobahnbau, und mit dem wachsenden Straßennetz entstand Bedarf an neuen Brücken, Tankstellen und Straßenmeistereien. Bereits 1935 arbeiteten 250.000 Menschen auf den Baustellen dieses gigantischen Propagandaprojekts.
Tamms erkannte die Chance: Im Juli 1935 kündigte er seine Stelle und machte sich mit einem eigenen Büro selbstständig. Obwohl kein Mitglied der NSDAP, bewegte er sich bald in den höchsten Kreisen staatlicher Behörden. Sein Kontakt zu Fritz Todt, dem Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, erwies sich als entscheidend. Todt zeigte sich von vielen Brückenentwürfen enttäuscht und suchte nach neuen Lösungen.
Normung und Typisierung im Brückenbau
Über Kontakte aus seiner Zeit im Brückenbauamt kam Tamms ins Gespräch. Seine Entwürfe ermöglichten es, statt individueller Einzellösungen baukastenartig im Sinne einer einheitlichen Raumgestaltung zu bauen. Zusammen mit dem Architekten Paul Bonatz nahm Tamms so prägenden Einfluss auf das Projekt Reichsautobahn. Ab 1937 kamen Aufträge für Straßenmeistereien und Tankstellen hinzu.
In der Formensprache dieser Zeit zeigte sich Tamms dem Nationalsozialismus verbunden. In seinen Aufsätzen beschwor er Denkmäler mit „Kraft zu geschichtlichem Zeugnis über Jahrhunderte und Jahrtausende“ als Vorbilder für Autobahnbrücken.
Stadtplanung für Schwerin: Monumentale Visionen
Neben der Autobahn lieferte Tamms Beiträge zum Städtebau – auch für seine Geburtsstadt. Über Vermittlung von Bonatz erhielt er 1935 den Auftrag zu Bebauungsplänen für die Schweriner Stadtteile Lankow und Neumühle. Schwerin war 1934 Hauptstadt des Gaus Mecklenburg geworden, und Tamms sah seine Aufgabe darin, die Stadt „auf Wachstum“ vorzubereiten.
Seine Pläne waren ambitioniert: Für Lankow plante er 5.200 Wohnungen, für Neumühle 4.600 Wohnungen – obwohl Schwerin zu diesem Zeitpunkt nur etwa 50.000 Einwohner hatte. Dazu kamen Schulen, Verwaltungsgebäude, Läden und ein „Kraft-durch-Freude“-Haus mit Freilichtbühne am Lankower See. Noch monumentaler wirkte ein 1937 gemeinsam mit Bonatz erarbeiteter Plan für die Schweriner Innenstadt mit breiten Straßen, Glockenturm und gewaltigen Gebäuden – ein Entwurf, der glücklicherweise nur auf dem Papier blieb.
Flaktürme: Wehranlagen im Stadtbild
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Bombardierung deutscher Städte wurde der Luftschutz zum zentralen Thema. 1940 ordnete Hitler den Bau von Flaktürmen an – Wehranlagen mit Plattformen für Flugabwehrraketen und Schutzräumen für die Zivilbevölkerung. Fritz Todt sicherte sich die Kompetenz für die Ausführung und nannte bereits 1940 Tamms als verantwortlichen Architekten.
Tamms lieferte innerhalb weniger Wochen die ersten Entwürfe für Türme in Berlin, die mittelalterlichen Festungen gleich Angriffen standhalten sollten. Ein solcher Bautyp existierte bis dahin nicht. In Berlin entstanden zwischen 1940 und 1942 am Zoo, im Friedrichshain und am Humboldthain drei Flaktürme, die nach Kriegsende von den Alliierten gesprengt wurden.
Hamburger Hochbunker: Vom Kriegsbau zum Hotel
Weitere Hochbunker entstanden in Hamburg und Wien. Ein Gefechtsturm im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg steht noch heute, genau wie der auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli. Letzterer war bei seiner Entstehung 38 Meter hoch, mit einer Grundfläche von 75 mal 75 Metern und 3,5 Meter dicken Mauern. Auf der Baustelle schufteten sowjetische Kriegsgefangene aus dem Konzentrationslager Neuengamme.
Tonnenweise Beton, Stahl und Geld flossen in diese Bauten, die sich militärisch als Misserfolg erwiesen: Die Türme boten bei Luftangriffen gute Ziele, und die Piloten täuschten die Radaranlagen mit Stanniolstreifen, sodass die Flugabwehr größtenteils wirkungslos blieb.
Heute präsentiert sich der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld mit einer begrünten Aufstockung freundlicher: 2020 erhielt das Bauwerk fünf zusätzliche Geschosse, in denen heute ein Hotel und eine Sporthalle untergebracht sind.
Nachkriegskarriere in Düsseldorf
Nach dem Ende des Nationalsozialismus musste sich Tamms neu orientieren – auch in seinem Selbstverständnis als Architekt. 1948 übernahm er das Stadtplanungsamt in Düsseldorf, was ihn zurück zu den Brücken brachte: In den 1960er-Jahren entwarf er dort drei Schrägseilbrücken über den Rhein.
In Düsseldorf gab es kontroverse Debatten über Tamms’ Tätigkeit während der NS-Zeit, die aber offenbar keinen Einfluss auf seine Nachkriegskarriere hatten. 1970 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Friedrich Tamms starb 1980 in Düsseldorf.
Die umfassende Studie „Friedrich Tamms. Architektur und Städtebau“ von Jörn Düwel und Niels Gutschow analysiert das Werk dieses „engagierten und gläubigen Nationalsozialisten“ im Dritten Reich und sein Schaffen nach dem Krieg. Das Buch mit 528 Seiten ist im Verlag DOM publishers Berlin erschienen und kostet 28 Euro.



