Wittenbergs jährliche Suche: Wer wird das neue Luther-Paar für das Stadtfest?
Wittenberg sucht jährlich neues Luther-Paar für Stadtfest

Wittenbergs jährliche Suche nach dem perfekten Luther-Paar

Jedes Jahr aufs Neue begibt sich die Lutherstadt Wittenberg auf eine besondere Suche: Gesucht wird ein Paar, das für ein Wochenende die historischen Rollen von Martin Luther und Katharina von Bora übernehmen darf. Beim traditionsreichen Stadtfest „Luthers Hochzeit“ rücken diese beiden Figuren besonders in den Mittelpunkt und prägen das dreitägige Festgeschehen in der Altstadt.

Kein klassisches Casting, sondern vertrauensvolle Gespräche

Anders als bei vielen anderen Veranstaltungen gibt es in Wittenberg kein klassisches Castingverfahren mit Bühnenauftritten oder Jurydiskussionen. „Es gibt jetzt keine Talkshow oder Castingshow“, betont Denis Lehmann, Projektleiter der Marketinggesellschaft der Stadt. Stattdessen entsteht die Auswahl in zahlreichen persönlichen Gesprächen innerhalb des Stadtlebens.

Die Organisatoren kennen viele potenzielle Kandidaten bereits aus dem lokalen Engagement – sei es in Vereinen, bei vorherigen Festen oder durch andere städtische Aktivitäten. In diesem vertrauten Umfeld beginnt meist die Suche nach einem passenden Paar, das sowohl die historischen Figuren würdevoll repräsentieren als auch das anspruchsvolle Programm bewältigen kann.

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Besondere Herausforderungen bei der Rollenbesetzung

Interessanterweise zeigen sich bei den Bewerbungen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. „Es haben sich ganz viele Frauen gemeldet“, berichtet Lehmann aus Erfahrung. Die Rolle der Katharina von Bora mit ihrem prächtigen historischen Gewand, Blumen im Haar und festlichem Auftritt scheint besonders viele Frauen anzusprechen.

Für die männlichen Bewerber stellt dagegen der schwarze Talar eine besondere Herausforderung dar – besonders wenn das Fest mitten im Sommer stattfindet. Während Katharina in eleganter Festkleidung erscheint, muss Luther im schweren schwarzen Gewand durch die sommerlichen Temperaturen marschieren.

Harmonie und Vertrautheit als Schlüsselfaktoren

Ein wichtiger Aspekt bei der Auswahl ist die bereits bestehende Vertrautheit zwischen den Partnern. Früher wurden gelegentlich Einzelbewerber ausgewählt und anschließend kombiniert. Heute bevorzugen die Organisatoren Paare, die sich bereits kennen oder sogar in einer Beziehung sind.

„Wer mehrere Tage lang gemeinsam durch das Festprogramm geht, Vereine besucht und ständig im Mittelpunkt steht, muss gut miteinander harmonieren“, erklärt Sandra Wilking, Geschäftsführerin des Stadtmarketings. Vertraute Paare wirken natürlicher und erleichtern die anspruchsvolle Organisation des dicht gedrängten Programms.

Die Vorbereitung: Mehr als nur historische Gewänder

Mit der Wahl zum Luther-Paar beginnt eine intensive Vorbereitungsphase. Wochen vor dem Fest stehen Anproben beim Trachtenverein an, der die historischen Gewänder individuell anpasst. Hinzu kommen:

  • Ausführliche Gespräche mit den Organisatoren
  • Einweisungen in den Ablauf des Festwochenendes
  • Presseauftritte und öffentliche Termine
  • Eine kurze historische Einführung in das Leben Luthers und Katharinas

Während des eigentlichen Festes ist das Luther-Paar nahezu ununterbrochen im Einsatz – von der Vorbereitung am Freitag bis zum Abschluss am Montag. Zur Unterstützung begleitet ein sogenannter Herold das Paar durch das Programm, der bei schwierigen Fragen oder unerwarteten Situationen hilfreich eingreifen kann.

Persönlichkeit vor historischer Ähnlichkeit

Entscheidend für die Auswahl ist weniger eine äußerliche Ähnlichkeit mit den historischen Figuren, sondern vielmehr die Persönlichkeit der Bewerber. „Wir suchen positive Menschen, die diese Figuren auch positiv verkörpern können“, betont Wilking. Das Luther-Paar fungiert als Botschafter des Stadtfestes und muss daher auf Menschen zugehen können, Gäste begrüßen und mit den teilnehmenden Vereinen ins Gespräch kommen.

Besondere Jahre erfordern besondere Besetzungen. Bei Jubiläumsfeiern – wie zum 500. Jahrestag – übernehmen häufig bekannte Persönlichkeiten aus der Region die Rollen, um dem Fest zusätzliche Aufmerksamkeit zu verleihen. Im vergangenen Jahr waren beispielsweise der Landrat des Landkreises Wittenberg und seine Ehefrau als Luther-Paar zu sehen.

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Die besondere Verantwortung der Rolle

Bernhard Naumann, der den Reformator bereits viermal verkörperte, weiß um die besondere Verantwortung, die mit dieser Rolle einhergeht. „Es ist etwas sehr Besonderes. Entsprechend sollte man sich verhalten“, erklärt der 71-jährige Wittenberger. Dazu gehöre auch eine gewisse Disziplin – besonders im Umgang mit der historischen Figur und der damit verbundenen Erwartungshaltung.

Während die meisten Darsteller das Gewand nach dem Fest wieder ablegen, ist Naumann in der Region als „Fernseh-Luther“ bekannt geworden und tritt gelegentlich weiterhin als Reformator auf – etwa bei Fernsehinterviews oder beim Empfang hochrangiger Gäste.

Schon jetzt, während das aktuelle Paar seine Vorbereitungen abschließt, laufen hinter den Kulissen bereits die ersten Gespräche für die Besetzung des Luther-Paares 2027. Die Suche nach den richtigen Menschen für diese besonderen Rollen hört in Wittenberg niemals auf.