Die 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes haben begonnen – und stehen dieses Jahr vor einer besonderen Herausforderung: Hollywood bleibt fern. Große US-Produktionen wie „Michael“ und „Der Teufel trägt Prada 2“ mieden die Croisette und starteten bereits global. Doch wozu werden dann die Palmen an den Strandpromenaden geschrubbt und der Sandstrand vor dem Festival immer wieder neu aufgeschüttet? Die Frage schwebt über dem Festival, das zwischen Filmkunst und Influencer-Event hin- und hergerissen scheint.
Hollywood-Ausfall und die Folgen
Auch Matt Damon wird als Odysseus nicht hier stranden, obwohl Christopher Nolans Juli-Starttermin für seine „Odyssee“ strategisch nah an Cannes liegt. Nolan ließ bereits „Oppenheimer“ außerhalb großer Festivals starten. Man spürt eine schleichende Verschiebung: weg von klassischen Festivalpremieren mit Kritikern im Saal, hin zu Fan- und Influencer-Events, die den Filmstart zum viralen Ereignis machen. Steven Spielberg zeigt mit seinem Ufo-Film „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ Cannes die kalte Schulter. Festivaldirektor Thierry Frémaux erklärt das Hollywood-Vakuum mit Corona, Streiks, Studioübernahmen und Bränden. Zudem verhindert Cannes‘ Keuschheitsgelübde zugunsten des Kinos Streaming-Filme: Netflix‘ „The Adventures of Cliff Booth“ von David Fincher ist nicht dabei.
Deutsche Filme nutzen die Chance
In diesem Jahr feiert Cannes die Filmkunst, und der deutsche Film profitiert. Mascha Schillinski hatte 2025 mit „In die Sonne schauen“ Chancen auf die Goldene Palme. Volker Schlöndorff, 87, kehrt mit „Heimsuchung“ zurück – nicht im Wettbewerb, aber in der Sonderreihe „Cannes Premieren“. Der Film, nach dem Roman von Jenny Erpenbeck, führt durch die deutsche Geschichte an einem mecklenburgischen See. David Bennent, einst Hauptdarsteller in Schlöndorffs „Die Blechtrommel“ (Goldene Palme 1979), spielt eine Nebenrolle. Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Ulrich Matthes und Detlev Buck sind ebenfalls dabei. Eidinger spielt zudem im Wettbewerbsfilm „Moulin“ den Gestapo-Chef Klaus Barbie.
Sandra Hüller und weitere Highlights
Sandra Hüller, international bekannt durch „Toni Erdmann“, „Anatomie eines Falls“ und „The Zone of Interest“, kommt mit „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski. Sie spielt Erika Mann, Hanns Zischler deren Vater Thomas Mann. Der deutsche Film ist auch durch Valeska Griesebachs „Das geträumte Abenteuer“ im Wettbewerb vertreten, eine Archäologin im bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzgebiet gerät in einen Mafia-Konflikt. Werner Herzog hingegen blieb fern, da er auf den Wettbewerb bestand, aber nur eine Nebenreihe angeboten bekam. Die Österreicherin Marie Kreutzer hat mit „Gentle Monster“ den Freitagabend-Galaplatz – eine Feier des europäischen Kinos mit Léa Seydoux, Jella Haase und Catherine Deneuve.
US-Stars trotzdem präsent
Auch ohne große Studios kommen US-Stars: Brendan Fraser, Bill Murray, Dustin Hoffman, Vicky Krieps, Kristen Stewart und Woody Harrelson werden erwartet. Im Wettbewerb laufen US-Produktionen wie Ira Sachs‘ Musical „The Man I Love“ mit Rami Malek und Rebecca Hall sowie James Grays „Paper Tiger“ mit Adam Driver und Scarlett Johansson. John Travolta präsentiert sein 61-minütiges Regiedebüt. Dennoch bleibt Nervosität: Reicht das, um die Bedeutung Cannes‘ zu wahren? Die 5000 akkreditierten Medienvertreter sollen auch künftig an die teure Côte d‘Azur kommen. US-Branchenblätter sehen das 79. Festival als Atempause, um zur 80. Ausgabe wieder Hollywood zu integrieren.



