Emerald Fennells 'Wuthering Heights': Eine sinnliche Teenager-Fantasie mit Margot Robbie
Nach ihrem Oscar-prämierten Debüt Promising Young Woman und dem provokativen Thriller Saltburn wagt sich die britische Filmemacherin Emerald Fennell an einen der größten Klassiker der britischen Literatur. Ihre Adaption von Emily Brontës Wuthering Heights – in Deutschland als Sturmhöhe bekannt – ist keine traditionelle Verfilmung, sondern eine emotionale Reaktion auf den Roman, die auf Fennells eigenen Jugenderinnerungen basiert.
Literaturklassiker als emotionale Teenager-Erfahrung
„Ich habe versucht, eine Welt zu erschaffen, die sich anfühlt wie die erste Begegnung eines Teenagermädchens mit einem großen Kunstwerk, eine Art emotionales Erlebnis“, erklärt Fennell im Interview. Die Regisseurin entdeckte den Roman bereits in ihrer Jugend und kehrte Jahrzehnte später mit einer besonderen Herangehensweise zurück. Statt den Text wortgetreu umzusetzen, notierte sie zunächst alles, was sie aus dem Buch erinnerte – und stellte fest, dass vieles davon Wunschdenken oder persönliche Interpretation war.
„Dabei stellte sich heraus, dass vieles, was ich als Teil des Buches in Erinnerung hatte, in Wirklichkeit Wunschdenken war. Oder ich hatte etwas zwischen den Zeilen gelesen, etwas missverstanden oder übersehen“, so Fennell. Entsprechend erhebt ihr Film keinerlei Anspruch auf Vorlagentreue, bewahrt aber dennoch viele originale Dialoge Brontës. „Ich wollte so viel wie möglich von Brontës Originaldialog behalten, weil der einfach am besten ist. Selbst wenn man nur ein Wort ändert, hat das eine Wirkung.“
Margot Robbie und Jacob Elordi als unglückliches Paar
In der Rolle des unglücklichen Paares Cathy und Heathcliff glänzen zwei australische Stars: Margot Robbie („Barbie“) und Jacob Elordi („Saltburn“). Robbie beschreibt die Geschichte als eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten: „Ich liebe dieses Buch, und es hat einfach etwas Zeitloses. Es wurde vor fast 200 Jahren geschrieben, unzählige Male adaptiert, und ich glaube, das wird auch so weitergehen.“
Wie die meisten Adaptionen konzentriert sich auch Fennells Version auf die erste Hälfte des Romans, die die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff erzählt. Die Handlung folgt der bekannten Tragödie: Catherine Earnshaws verwitweter Vater nimmt den namenlosen Straßenjungen Heathcliff auf, zwischen den beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft, die Jahre später in Begehren umschlägt.
Von heimlicher Romanze zu toxischer Beziehung
Die Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff beginnt als kindliche Freundschaft, verwandelt sich in eine heimliche Romanze und entwickelt sich schließlich zu einer zunehmend toxischen Beziehung, die ihr gesamtes Umfeld in Mitleidenschaft zieht. Nachdem Heathcliff Catherine sagen hört, dass sie eine Hochzeit wegen seines Status für unmöglich hält (aber nicht, dass sie ihn liebt), verlässt er über Nacht Wuthering Heights.
Jahre später kehrt er als wohlhabender Mann und neuer Besitzer des Anwesens zurück, doch für Cathy und Heathcliff gibt es keine gemeinsame Zukunft. Die wieder aufflammende Begierde führt zu einer destruktiven Dynamik, die alle Beteiligten in ihren Bann zieht.
Prächtige Bilder und sinnliche Aufladung
„Im Grunde wollte ich nach Saltburn etwas machen, das sowohl emotional als auch körperlich berührt“, sagt Fennell über ihren Ansatz. Der Film beeindruckt mit visuell spektakulären Bildern von Kameramann Linus Sandgren („La La Land“, „James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben“). Die kräftigen, leuchtenden Farben der Kostüme und Studiokulissen stehen im markanten Kontrast zu den dramatischen, düsteren Landschaftsbildern aus dem stürmischen West Yorkshire.
Der Film ist durch und durch sexuell aufgeladen und zeigt:
- Catherine bei der Selbstbefriedigung
- Sex mit Pferdegeschirr
- Schwitzige Körper und sinnliche Darstellungen
- Reichlich schlüpfrige Symbolik mit platzenden Eiern und schleimigen Schnecken
Mitreißender Soundtrack und kinematografisches Erlebnis
Den Soundtrack für das voyeuristische Spektakel der Sinne lieferte Charli XCX, die Fennell als „Genie“ und „Poetin“ bezeichnet. Die Musik ist eine mitreißende Mischung aus eingängigen Popmelodien und dramatischen Streichern – im Abspann werden 13 Cello-Spieler genannt.
In manchen Momenten wirkt „Wuthering Heights“ wie ein stylishes Musikvideo, während die zweite Hälfte des 135-minütigen Films stellenweise etwas langsamer und zäh wirken kann. Dennoch überzeugt die Besetzung bis in die kleinen Rollen, besonders Jacob Elordi als gleichermaßen liebestoller wie rücksichtsloser Heathcliff.
Puristen des Brontë-Klassikers werden vermutlich die Nase rümpfen, während Fennell-Fans begeistert sein dürften. In jedem Fall ist Emerald Fennells „Wuthering Heights“ ein intensives Kino-Erlebnis für die Sinne, das traditionelle Erwartungen an Literaturverfilmungen bewusst hinterfragt und durch eine persönliche, emotionale Interpretation ersetzt.



