»On the Wave«: Surfer-Doku mit imposanten Bildern, aber erzählerischen Lücken
Die Bilder der gewaltigen Wellen von Nazaré an der portugiesischen Küste gehören zweifellos auf die große Leinwand. Die Wucht, mit der sich das Wasser bricht, der pittoreske Leuchtturm im Vordergrund und der winzige Mensch unter der riesigen Woge – diese Szenen wirken im Kinoformat überwältigend. Surferfilme haben sich im Kino zu einem eigenen Genre entwickelt, von Klassikern wie »Gefährliche Brandung« bis hin zum kultigen Dokumentarfilm »The Endless Summer« aus dem Jahr 1966.
Vom Nürnberger Teenager zum Weltrekordhalter
»On the Wave«, die neue Dokumentation der Regisseure Peter Wolf und Axel Gerdau, fügt diesem Genre nun ein weiteres Kapitel hinzu. Der Film erzählt die Geschichte des deutschen Big-Wave-Surfers Sebastian Steudtner, der als 16-jähriger Teenager alleine von Nürnberg – einer Surf-Provinz – nach Hawaii, das Surf-Mekka, aufbrach, weil ihn die Leidenschaft gepackt hatte.
Anfangs schüttelten die Einheimischen auf Hawaii nur den Kopf über diesen Sonderling aus Deutschland. Doch Steudtner ersurfte sich ihre Anerkennung und wurde schließlich zum Weltrekordhalter, als er 2020 in Nazaré eine 26 Meter hohe Welle ritt. In Deutschland ist er mittlerweile ein kleiner Medienstar, vergleichbar mit Boris Herrmann im Segelsport.
Die Filmemacher zeigen auch die dunkleren Seiten seiner Karriere: Als noch unbekannter deutscher Outsider in der Surf-Szene von Los Angeles wurde Steudtner bei einer Award-Verleihung als »Stiefsohn von Hitler« und »Scheiß-Deutscher« verspottet. »Das haftet bis heute an mir«, sagt der Surfer im Film.
Prominente Unterstützung durch Klopp und Klitschko
Bereits im Vorspann wird die prominente Unterstützung für das Projekt deutlich. Unter den »Executive Producers« finden sich die Namen Wladimir Klitschko und Jürgen Klopp. Während Klitschko über den Produzenten Leopold Hoesch und dessen Firma Broadview TV ins Projekt kam, ist Klopp ein persönlicher Freund von Steudtner.
Der ehemalige Trainer des FC Liverpool lud den Surfer einst zu seinem Klub ein, damit dieser den Profis etwas über Grenzerfahrungen erzählen konnte. Als Steudtner seinen Weltrekord aufstellte, schickte Klopp ein Gratulationsvideo. Im Vorfeld der Filmpremiere produzierte der Fußballexperte Social-Media-Clips, in denen er Steudtner als »außergewöhnlichen Typen« preist.
Erzählerische Schwächen trotz beeindruckender Bilder
Trotz der atemberaubenden Aufnahmen der Monsterwellen und der prominenten Unterstützung leidet der Film unter erzählerischen Schwächen. Auf zwei Stunden Laufzeit verteilt sich die Geschichte zu dünn, die Spannung kann nicht durchgehalten werden. Wie eine Welle, die irgendwann bricht, verliert auch der Film an Fahrt – es folgt Welle auf Welle, ohne tiefere Einblicke zu bieten.
Was Steudtner wirklich antreibt, was ihn im Inneren bewegt und warum er sich immer wieder extremen Gefahren aussetzt, bleibt nur bruchstückhaft erkennbar. Sätze wie »Im Wasser bin ich frei« oder die Aussage seines Mentors Laird Hamilton – »Das Wasser ruft nach ihm« – klingen gut, erklären aber wenig.
Selbst wenn Steudtners Schwester im Film erwähnt, dass die Erfahrungen auf Hawaii ihren Bruder »hart und unnachgiebig« gemacht hätten, findet der Film keine Bilder oder Szenen, die diese Aussage mit Leben füllen. Auch interessante Ansätze – wie die Erwähnung von Neid und Rassismus in der Surf-Szene – werden nicht vertieft, sondern von der nächsten Welle überrollt.
Ein Film für eingefleischte Fans
»On the Wave« ist letztlich ein Film für Surfer-Fans und solche, die von den spektakulären Bildern der Naturgewalt beeindruckt sein wollen. Für eine tiefgründige Charakterstudie oder eine packende Erzählung reicht es jedoch nicht aus. Selbst ein Film über die Urgewalt des Wassers kann vor sich hin plätschern, wenn die erzählerische Welle zu früh bricht.
Die Dokumentation bietet imposante Kinobilder und zeigt die außergewöhnliche Karriere eines deutschen Extremsportlers, bleibt aber an der Oberfläche. Wer mehr über die Risse im lässigen Surfer-Universum oder die inneren Antriebe von Sebastian Steudtner erfahren möchte, wird enttäuscht.



