Berlin – Ein Gipfeltreffen zweier Oscar-Preisträger: Russell Crowe, 2001 ausgezeichnet für seine Rolle als Maximus in „Gladiator“, und Rami Malek, 2019 geehrt für seine Darstellung von Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“, vereinen ihre Kräfte im neuen Film „Nürnberg“. Der Streifen beleuchtet die Nürnberger Prozesse von 1945/46, wobei Crowe den angeklagten Hermann Göring verkörpert und Malek den US-amerikanischen Psychiater Douglas M. Kelley spielt, der die Angeklagten beurteilen soll.
Verfilmung eines Buchs über das Böse
Die Handlung basiert auf dem Buch „The Nazi and the Psychiatrist“ von Jack El-Hai aus dem Jahr 2013, das 2014 auf Deutsch unter dem Titel „Der Nazi und der Psychiater“ erschien. Kelley, der auch mit anderen Angeklagten sprach, hoffte, das Wesen des Bösen zu ergründen, musste jedoch erkennen, dass es „das Böse an sich“ nicht gibt. Der Film verheddert sich zwischen Abscheu und Faszination, ähnlich wie der historische Kelley. Die schauspielerische Brillanz der Protagonisten erweist sich als Problem: Ihre übermächtige Präsenz lässt die NS-Verbrechen in den Hintergrund treten. Eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Grauen findet nicht statt.
Russell Crowe gegen sein Image
Russell Crowe agiert bewusst gegen sein romantisches „Gladiator“-Image und zeigt Göring vielschichtig. Doch sein Ruhm als Hollywood-Star steht im Weg: Man glaubt ihm den perfiden Massenmörder nicht. Der „Fluch des Erfolgs“ zeigt sich deutlich – wo Crowe ist, ist Glamour, der hier stört. Rami Maleks Charisma zieht den Zuschauer in den Bann, doch die Millionen Opfer der NS-Diktatur geraten aus dem Fokus. Historische Dokumentaraufnahmen von Leichenbergen in Konzentrationslagern benennen die Dimension des Massenmords zwar, aber der Film versäumt eine nachhaltige Auseinandersetzung.
Konjunktur von Nazi-Filmen
„Nürnberg“ reiht sich in aktuelle Filme über den Nationalsozialismus ein, wie „The Zone Of Interest“ (2023), der durch künstlerische Abstraktion eine scharfe Auseinandersetzung mit dem Bösen ermöglicht. Im letzten Drittel entwickelt sich „Nürnberg“ zu einem energiegeladenen Gerichtsdrama, das an das Hollywood-Epos „Urteil von Nürnberg“ (1961) erinnert. Damals verdeckten Stars wie Marlene Dietrich und Maximilian Schell nicht die menschenverachtenden Hintergründe. Der Klassiker ehrt die Opfer eindringlich und zwingt zur Haltung – eine Intensität, die „Nürnberg“ nicht erreicht.
Regisseur mit Gespür für Effekte
Regisseur James Vanderbilt, bekannt als Drehbuchautor von Blockbustern wie „The Amazing Spider-Man“ (2012) und „Murder Mystery“ (2019), inszeniert mit „Nürnberg“ seinen zweiten Spielfilm. Sein Gespür für Effekte kann Menschen an das Thema heranführen, die sich bisher kaum damit befasst haben. Es ist legitim, auf die Zugkraft von Stars wie Crowe und Malek zu setzen. Doch weniger Spannungsmache im Stil von Psycho-Thrillern und mehr politische Tiefe hätten dem Film zu einer nachhaltigeren Wirkung verholfen.



