Sorrentinos Film 'La Grazia': Ein Präsident zwischen Realität und Fiktion
Sorrentinos 'La Grazia': Präsident zwischen Realität und Fiktion

Ein filmisches Porträt zwischen Realität und künstlerischer Freiheit

Ein mehr als zweistündiges Kinoepos über das eigene Staatsoberhaupt? In vielen Ländern der Welt wäre dies kein Garant für volle Kinosäle, auch in Deutschland nicht unbedingt. In Italien hingegen stößt genau dieses Konzept auf enorme Resonanz. Der jüngste Film des Oscar-prämierten Regisseurs Paolo Sorrentino mit dem Titel „La Grazia“ („Die Gnade“) hat sich dort zu einem bemerkenswerten Publikumserfolg entwickelt.

Ein fiktiver Präsident mit realen Vorbildern

In seinem elften Langfilm stellt Sorrentino, der bereits mit Werken wie „La Grande Bellezza - Die große Schönheit“ internationale Anerkennung fand, die Figur des italienischen Präsidenten Mariano de Santis in den Mittelpunkt. Obwohl es sich um eine erfundene Person handelt, weist diese Charakterisierung auffällige und zahlreiche Parallelen zum amtierenden Staatsoberhaupt Sergio Mattarella auf.

Beide sind distinguierte ältere Herren, ausgebildete Juristen, ehemalige Verfassungsrichter und tiefgläubige Katholiken. Da beide seit Jahren verwitwet sind, begleitet sie häufig ihre Tochter bei öffentlichen Auftritten. Die Übereinstimmungen sind derart offensichtlich, dass Sorrentino nicht um eine klare Stellungnahme herumkommt. Der Regisseur betont jedoch stets, dass die Filmfigur auch Züge früherer Staatschefs wie Giorgio Napolitano in sich trage.

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Ein Erfolg mit Substanz

Der Film konnte in Italien bereits über 750.000 Kinokarten verkaufen und spielte dabei mehr als sieben Millionen Euro ein. Nun kommt das 133-minütige Werk auch in die deutschen Lichtspielhäuser. Die Handlung basiert auf einer wahren Begebenheit: Im Jahr 2018 begnadigte Präsident Mattarella tatsächlich einen Mann, der seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau getötet hatte und dafür zu einer 14-jährigen Haftstrafe verurteilt worden war.

Im Film sieht sich De Santis mit ähnlichen moralischen und rechtlichen Dilemmata konfrontiert. Die Hauptrolle übernimmt der erfahrene Schauspieler Toni Servillo, ein langjähriger Wegbegleiter Sorrentinos. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig im Jahr 2025, die mit „La Grazia“ eröffnet wurden, erhielt Servillo für seine darstellerische Leistung den Preis als bester Hauptdarsteller.

Künstlerische Freiheiten und politische Realität

Bei aller Detailgenauigkeit in der Darstellung des Alltags eines italienischen Präsidenten nimmt sich Sorrentino auch einige kreative Freiheiten heraus. So hat beispielsweise der im Film auftretende Papst keinerlei Bezug zum amtierenden Kirchenoberhaupt Leo XIV. oder dessen Vorgängern. Der 55-jährige Regisseur schafft es, ein vielschichtiges Porträt zu zeichnen, das sowohl die staatstragende Würde als auch die menschlichen Abgründe beleuchtet.

Die Popularität des realen Vorbilds unterstreicht die Relevanz des Themas: Der 84-jährige Sergio Mattarella, der seit 2015 im Amt ist, erhält bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt begeisterten Applaus. Dies war beispielsweise auch bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Mailand für ein internationales Publikum sichtbar.

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