Graffiti-Künstler Cosmo Colors: „Es geht darum, gesehen zu werden“
Graffiti-Künstler: Gesehen werden ohne Gesicht zeigen

Ein mürrisches „Moin“ sagt mehr als tausend Worte – das findet der Rostocker Graffiti-Künstler Cosmo Colors. Am Samstag war er bei einer Aktion des Vereins Stadtgespräche am Bahnhof Lütten Klein unterwegs und besprühte die Rampe mit einem markanten Motiv.

Die mürrische Möwe als Statement

Seit Samstag begrüßt das Graffiti einer „mürrischen Möwe“ Menschen, die die Rampe am S-Bahnhof Lütten Klein nutzen. „Das ist eben eine echte Rostocker Möwe“, erklärt Cosmo Colors, der das Motiv erdacht und auf die Wand gesprüht hat. „Und hier im Nordwesten, zwischen Plattenbau und sozialem Brennpunkt, ist die Welt nicht immer heiter und fröhlich.“ Mehr als ein „Moin“ sei da eben nicht zu erwarten. Für ein „Moin Moin“ müsse man sich ja schon unterhalten wollen.

25 Jahre Sprühdose

Cosmo Colors hat sich einen Platz in der Rostocker Graffiti-Szene erarbeitet. Seit fast 25 Jahren hält er die Sprühdose in der Hand. Was als Jugendlicher ein Ventil war, ist heute sein Beruf. Er lebt inzwischen von seiner Kunst und der Veranstaltungsdekoration. Ob er schon einmal verhaftet oder angezeigt wurde? Darüber spricht er nicht. „Graffiti ist mein Leben“, sagt er stattdessen. Es gab ihm in der Jugend Halt und das Gefühl, „gesehen zu werden“ – und zwar „ohne Gesicht zeigen zu müssen“. In der Szene gehe es um die Kunst und das Motiv, aber auch um den „krassesten Spot“, etwa am Schornstein oder unter dem Giebel eines hohen Hauses. Und na klar, das sei oft illegal.

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Legale Flächen als Brücke

„Deswegen finde ich die Aktion heute stark“, sagt er im Gespräch am Samstagvormittag. Der Verein Stadtgespräche hat in Zusammenarbeit mit dem Tiefbauamt und weiteren Akteuren hier die Möglichkeit aufgetan, dass sich 25 Spray-Teams aus dem Rostocker Nordwesten an 21 Flächen der Rampe am Bahnhof in Lütten Klein ausleben dürfen. Vollkommen legal und erwünscht. Im Rahmen dieser Aktion entstand auch die „mürrische Möwe“. Cosmo Colors hat auch selbst schon legale Wände beantragen wollen. Er ist dabei in der Vergangenheit oft am „Bürokratiegedöns“ der Ämter gescheitert. Wenn „wir Kinder von der Straße“ im Amt anfragten, sagt er, „dann kommen wir nicht weit: Sich durch zehn Anträge zu kämpfen, bis ein Stein nur vielleicht ins Rollen kommt, bedeutet für uns Krise.“ Sie würden einfach nicht dieselbe Sprache sprechen wie die Verwaltung. „Stadtgespräche ist da eine Brücke und kann mit den Ämtern auf Augenhöhe kommunizieren“, so Cosmo Colors.

Platznot und neue Regeln

Wenn er sprüht, trägt er Atemmaske und Handschuhe. „Das ist eine Frage der Erfahrung und davon, wie oft man mit der Sprühfarbe unterwegs ist.“ Der Bedarf an legalen Flächen zum Besprühen ist laut Cosmo Colors in Rostock riesig. Inzwischen herrschten an einigen Orten fast schon „Berliner Verhältnisse“: Kaum ist ein Graffiti fertig, steht schon der nächste in der Schlange, um das Bild zu übersprühen. Dabei gebe es Regeln in der Szene: Ein Bild soll etwa einige Zeit stehen und später nur durch ein „besseres“ Bild übermalt werden. „Es darf eigentlich auch kein Chrom über Farbe kommen“, erklärt der Künstler. Aber an viele der Regeln werde sich aufgrund der Unerfahrenheit vieler und dem Platzmangel nicht mehr gehalten.

Petition für mehr legale Wände

Er befürwortet eine aktuell laufende Petition für mehr legale Wände in der Stadt. „Gerade in den Stadtteilen, wo es kaum Möglichkeiten für die Jugend gibt, ist das wirklich eine gute Sache.“ Seine Möwe jedenfalls ist ein klares Statement: Ein bisschen kämpferisch gibt sie sich, ein bisschen eigenbrötlerisch; sie ist oft „nicht gern gesehen und weiß das auch“, aber sie ist eben unmissverständlich Teil des Rostocker Stadtbildes.

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