KZ-Gedenkstätte Neuengamme nutzt TikTok für die Erinnerung an NS-Verbrechen
Neuengamme nutzt TikTok für NS-Gedenken

KZ-Gedenkstätte Neuengamme: TikTok als moderner Ort der Erinnerung

Im Konzentrationslager Neuengamme fanden während der nationalsozialistischen Herrschaft grausame Verbrechen statt. Heute nutzt das Team der Gedenkstätte die Plattform TikTok, um die Erinnerung an diese dunkle Zeit wachzuhalten und insbesondere junge Menschen zu erreichen. Marie Zachger, eine 28-jährige Geschichtsstudentin, die fest in Neuengamme angestellt ist, produziert regelmäßig Videos für den Kanal der Gedenkstätte.

Von der Vergangenheit zur digitalen Aufklärung

Von 1938 bis 1945 mussten Häftlinge des KZ Neuengamme im Klinkerwerk schuften, um Steine für Hamburgs Pläne als "Führerstadt" unter Adolf Hitler herzustellen. Später wurden Betonteile für Wohnungen von Ausgebombten produziert. Die Nationalsozialisten begannen bereits 1933, politische Gegner in Konzentrationslager zu stecken, später folgten Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma. Der Alltag im Lager war von Hunger, Kälte, Krankheit und Prügel geprägt; fast die Hälfte der über 100.000 Häftlinge starb.

Heute besuchen jährlich 2500 bis 3000 Schulklassen die Gedenkstätte, auch Überlebende und Angehörige reisen aus aller Welt an. Marie Zachger erklärt, dass ihre Arbeit anfangs merkwürdig war, da selbst alltägliche Handlungen wie das Essen in der Cafeteria angesichts der historischen Tragödie befremdlich wirkten. Doch sie hat gelernt, sich nicht überwältigen zu lassen und vermittelt mit Begeisterung Wissen.

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TikTok-Initiative gegen Falschinformationen

Im Sommer 2020 zeigten problematische TikTok-Videos, in denen junge Menschen sich als Holocaust-Opfer darstellten, dass auf der Plattform Informationsbedarf zum Thema besteht. Daraufhin startete eine Initiative, unterstützt von der Hebräischen Universität Jerusalem und TikTok selbst, um über den Holocaust und andere NS-Verbrechen aufzuklären. Neuengamme war die erste KZ-Gedenkstätte auf TikTok und gilt als Vorreiterin.

Marie betont: "Wenn wir als Gedenkstätte nicht mitreden, landen Nutzer womöglich bei rechtsextremen Kanälen, wenn sie etwas zum Nationalsozialismus suchen." Ihre Videos sind auf Englisch gehalten, um ein internationales Publikum zu erreichen. Ein beliebter Clip widerlegt Falschannahmen, etwa dass nur jüdische Menschen gefangen gehalten wurden – in Neuengamme waren sie eine kleinere Gruppe.

Balance zwischen Sensibilität und Reichweite

Das Gedenken auf TikTok erfordert einen Balanceakt. Während die Plattform oft schnelle Schnitte und Effekte verlangt, setzt Neuengamme auf sensible Darstellung ohne übermäßige Special Effects. Früher nutzten Gedenkstätten Schockmomente wie Leichenbilder, heute will man Besuchern und Zuschauern Raum für eigene Gedanken geben. Marie sagt: "Wir wollen nicht direkt einhämmern: Ihr müsst betroffen sein."

Ein Beispiel ist die Geschichte von Hans G., einem der ersten Häftlinge, der nach dem Krieg nur 3400 D-Mark (1700 Euro) Entschädigung erhielt. Marie erzählt dies in Videos, um die Ungerechtigkeiten der Nachkriegszeit aufzuzeigen. Die Gedenkstätte entwickelte zudem ein Videospiel für den Unterricht, das die Geschichte der 20 jüdischen Kinder vom Bullenhuser Damm behandelt.

Die Hamburger Stadtgeschichte ist von Versuchen geprägt, die Schuld an NS-Verbrechen zu vertuschen. Nach der Befreiung durch britische Soldaten wurden Beweise im KZ entfernt. Heute setzt Neuengamme mit TikTok ein Zeichen für transparente Aufarbeitung und lebendige Erinnerungskultur.

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