Sütterlin-Kurse im Eichsfeld: Wie eine von Nazis verbotene Schrift Generationen verbindet
Sütterlin: Von Nazis verbotene Schrift verbindet Generationen

Sütterlin entziffern: Wie eine von Nazis verbotene Schrift Generationen verbindet

Im Eichsfeld wird von Deutsch auf Deutsch „übersetzt“: In Sütterlin-Kursen lernen Teilnehmer unterschiedlichster Generationen, die historische Schreibschrift zu entziffern und selbst zu schreiben. Die von den Nationalsozialisten 1941 abgeschaffte Schrift erlebt eine bemerkenswerte Renaissance.

Generationenübergreifendes Lernen im Eichsfeld

Konzentriert setzt die zwölfjährige Tamara den Füllfederhalter an und beginnt mit bedächtigen Bewegungen zu schreiben. Entsteht eine aus vielen Bögen, Schwüngen und zackigen Kanten bestehende Schrift, die kaum weiter von einer „Sauklaue“ entfernt sein könnte. Dennoch werden nur wenige Menschen diese besondere Schrift entziffern können, geschweige denn selbst zu Papier bringen. Es handelt sich um Sütterlin, eine historische deutsche Schreibschrift.

Der Grafiker Ludwig Sütterlin entwickelte diese Schreibschrift ab 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums aus der bis dahin gebräuchlichen Deutschen Kurrentschrift. Zuerst wurde sie in preußischen Schulen unterrichtet, bevor sie sich deutschlandweit verbreitete. Ihr Ende kam 1941, als sie von der deutschen Normalschrift abgelöst wurde.

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„Wie coole Geheimschrift“ – Faszination Sütterlin

„Ich finde, dass es schön aussieht, irgendwie wie eine coole Geheimschrift“, begründet die zwölfjährige Tamara ihre Faszination für Sütterlin. Das ungewöhnliche Hobby muss sie gegenüber Freundinnen manchmal erklären, doch es bringt auch Anerkennung. Im Kunstunterricht konnte sie punkten, als für eine Aufgabe eine alte Schrift benötigt wurde. Bereits hat sie Texte für Grußkarten und einen Abschiedsbrief für eine Grundschullehrerin in Sütterlin verfasst.

Dass Tamara überhaupt Sütterlin lesen und schreiben kann, verdankt sie ihrem eigenen Fleiß und ihrem Großvater Heinrich Heckeroth. Dieser weckte ihr Interesse an der Schrift. Heckeroth beschäftigt sich intensiv mit Ahnenforschung und versucht als langjähriger Küster, Verwandtschaftsverhältnisse anhand von Kirchenbüchern aufzuklären. Dafür muss er Sütterlin beherrschen. Es seien „Erfolgserlebnisse“, sagt er, wenn er in alten Dokumenten Antworten für seine Forschungsaufträge entziffern kann.

Große Nachfrage nach Sütterlin-Kursen

Birgit Tröße ist ein entscheidender Faktor für Tamaras Fähigkeiten in der alten Schrift. Die Dozentin leitet den Kurs in Geisleden im Eichsfeld, in dem Tamara, ihr Opa und zahlreiche andere Teilnehmer Sütterlin entsprechend ihrer Vorkenntnisse schreiben und lesen lernen. In den vergangenen Jahren hat Tröße zahlreiche Sütterlin-Kurse angeboten – in Thüringen, Hessen und Niedersachsen.

Die Nachfrage ist groß: Ihr aktueller Sütterlin-Kurs ist mit 14 Teilnehmern bereits ausgebucht. „Die meisten kommen aus privaten Gründen zum Kurs und möchten beispielsweise alte Briefe von Verwandten lesen können“, fasst Tröße die Beweggründe der Teilnehmer zusammen. Unter den Kursteilnehmern finden sich aber auch Behördenmitarbeiter, Juristen und Vermessungstechniker, die für ihre Arbeit in alten Dokumenten recherchieren und diese lesen müssen.

Abgrenzung von rechter Szene

Ziehen solche Kurse aber nicht auch Menschen mit umstrittenen Überzeugungen an? Tröße seufzt etwas. Natürlich wisse sie, dass sich die rechte Szene gerne der Fraktur bedient, der zur Zeit der Sütterlin-Schrift genutzten Druckschrift. „Damit haben wir aber nichts zu tun“, betont sie entschieden.

An einen unangenehmen Fall kann sie sich erinnern: Zu einem Kurs in Südthüringen kamen zwei Männer mit seltsamen Antworten auf die Frage nach ihrer Motivation. Rückblickend räumt sie ein, damals vielleicht noch naiv gewesen zu sein. Schließlich wurde ihr klar, dass es sich wohl um Reichsbürger gehandelt haben muss, die Sütterlin vermutlich für ihre eigenen Dokumente verwenden wollten.

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Historische Ironie: Nazis schafften Sütterlin ab

Dass Neonazis heute alte Schriften auf Kleidung und Postern drucken, stellt fast einen historischen Treppenwitz dar. „Was spannend ist, dass ausgerechnet die Nazis diese Schriften abgeschafft haben“, erklärt Michaela Fenske, Professorin für Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Würzburg. Zwar hatten die Nationalsozialisten zuvor Fraktur und Sütterlin genutzt, aber 1941 wurde sie per Erlass als unerwünscht deklariert.

Die Arbeit mit Originalquellen ist kein Selbstläufer: „Sie müssen sich auf jede Handschrift wieder neu einlassen“, erklärt Fenske. Selbst für geübte Augen stellt dies mitunter eine Herausforderung dar. Ihr Lehrstuhl bietet regelmäßig Kurse an, in denen interessierte Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Studierenden das Lesen der alten Schriften lernen.

Frauenstimmen in historischen Quellen

Solche Schrift-Kenntnisse sind laut Fenske besonders wichtig, weil sie Zugang zu historischen Stimmen ermöglichen, die vergleichsweise selten gehört werden: Frauenstimmen. Neben in Sütterlin verfasster Feldpost und offiziellen Dokumenten schrieben Frauen Tagebücher, Poesiealben und vor allem Rezepte und Kochbücher. „Das sind wichtige Selbstzeugnisse“, betont Fenske.

Die Professorin sieht zudem einen ganz menschlichen Grund, die Schrift zu lernen: Um Liebesbriefe der Eltern und Großeltern lesen zu können. Die Sütterlin-Schrift verbindet somit nicht nur Generationen, sondern ermöglicht auch einen einzigartigen Zugang zu persönlicher und kollektiver Geschichte.