Berlinale-Krise: Entscheidung über Tricia Tuttle vertagt
In einer hochrangigen Krisensitzung zur Zukunft der Berlinale ist am Mittwochmorgen keine Entscheidung über die Position von Intendantin Tricia Tuttle gefallen. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der als Vorsitzender des Aufsichtsrates der KBB GmbH fungierte, hatte zu der außerordentlichen Sitzung im Kanzleramt geladen. Ein Regierungssprecher teilte anschließend mit, dass die Gespräche über die Ausrichtung des renommierten Filmfestivals in den kommenden Tagen zwischen Tuttle und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt werden.
Öffentliche Mittel und politischer Druck
Die Berlinale finanziert sich zu etwa 40 Prozent aus öffentlichen Geldern von Bund, EU und dem Land Berlin. Dieser hohe Anteil staatlicher Unterstützung rückt die Festivalleitung regelmäßig in den Fokus politischer Debatten. In den vergangenen Wochen hatten mehrere Medien über eine mögliche Ablösung Tuttles berichtet und gemutmaßt, dass die Intendantin selbst ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt haben könnte.
Kontroverse während des Festivals
Die aktuelle Krise wurde durch kontroverse Debatten während des diesjährigen Festivals befeuert, die sich insbesondere um den Umgang mit dem Nahostkonflikt drehten. Prominente Filmschaffende wie Tilda Swinton und Javier Bardem hatten der Berlinale vorgeworfen, sich im Gazakrieg nicht ausreichend auf die Seite der Palästinenser zu stellen. Besonders heftigen Widerspruch in Deutschland löste eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib aus, in der er der Bundesregierung vorwarf, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Umweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin demonstrativ den Saal.
Israels Regierung bestreitet, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen, und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023. Auch die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf entschieden zurück. Weitere Kritik entzündete sich an einem Foto der Festivalleitung mit einem Filmteam, auf dem eine palästinensische Flagge zu sehen war.
Breite Unterstützung aus der Filmbranche
Gegen die am Mittwoch bekannt gewordenen Pläne einer möglichen Abberufung Tuttles formierte sich umgehend breiter Widerstand aus der internationalen Filmbranche. Die Deutsche Filmakademie zeigte sich "erschrocken" über den Versuch "der politischen Einflussnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt".
Ilker Çatak, Regisseur des diesjährigen Goldenen-Bären-Gewinnerfilms "Gelbe Briefe", sagte deutlich: "Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben." Diese Haltung teile, so Çatak, auch eine große Zahl seiner Kolleginnen und Kollegen.
In einem offenen Brief, der von einer Filmagentur verschickt wurde, stellten sich knapp 700 Unterzeichnende aus der Branche hinter Tricia Tuttle. Zu den prominenten Unterstützern gehören Regisseur Tom Tykwer ("Babylon Berlin"), Schauspielerin Tilda Swinton ("The Room Next Door") und der frühere Jurypräsident sowie Filmemacher Todd Haynes ("Carol").
Ungewisse Zukunft der Berlinale
Die vertagte Entscheidung über Tricia Tuttles Zukunft als Intendantin lässt die weitere Entwicklung der Berlinale vorerst im Ungewissen. Während die politischen Gremien weitere Gespräche ankündigen, zeigt die breite Unterstützung aus der Filmbranche, dass eine Abberufung Tuttles erheblichen Widerstand provozieren würde. Das Festival, das zu den wichtigsten Filmereignissen weltweit zählt, steht damit an einem kritischen Wendepunkt, der nicht nur die personelle Besetzung, sondern auch die künstlerische Unabhängigkeit des Kulturereignisses betrifft.



