Krisensitzung zur Berlinale-Zukunft: Tuttle-Rücktritt im Raum, Kulturbranche protestiert
Berlinale-Krise: Zukunft von Festivalchefin Tuttle ungewiss

Berlinale in schwerer Krise: Zukunft von Festivalchefin Tricia Tuttle ungewiss

Die Berlinale, eines der international bedeutendsten Filmfestivals, steckt in einer tiefgreifenden Krise. Nach heftigen politischen Kontroversen und breiten Protesten aus der Kulturbranche wird über das mögliche vorzeitige Ausscheiden von Intendantin Tricia Tuttle diskutiert. Eine Krisensitzung im Kanzleramt unter Vorsitz von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer endete ohne konkrete Entscheidung.

Politische Kontroversen entfachen Debatte

Auslöser der aktuellen Krise sind erneute Auseinandersetzungen um den Umgang mit dem Nahostkonflikt während der Filmfestspiele. Besonders die Rede des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib bei der Preisverleihung löste scharfe Reaktionen aus. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ aus Protest den Saal, während Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Berlins Regierungschef Kai Wegner (CDU) die Äußerungen kritisierten.

„Für mich ist sehr, sehr klar, dass Antisemitismus, Israel- und Judenhass keine politische Meinung ist“, betonte Wegner im Berliner Abgeordnetenhaus. Gleichzeitig hatte es während des Festivals einen offenen Brief internationaler Filmschaffender gegeben, die der Berlinale vorwarfen, sich nicht ausreichend an die Seite der Palästinenser zu stellen und sogar von Zensur sprachen.

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Kulturbranche mobilisiert breiten Protest

Nach Bekanntwerden der Krisensitzung formierte sich in der Kulturbranche breiter Widerstand. Die Deutsche Filmakademie forderte die Wahrung der Unabhängigkeit der Berlinale und eine Debatte „mit Augenmaß“. Der Bundesverband Regie erklärte, Festivalleitungen könnten nicht für Positionen von Filmschaffenden haftbar gemacht werden.

Ein offener Brief wurde von rund 700 Künstlern unterzeichnet, darunter auch israelische Filmschaffende, die Tuttle unterstützen. Hunderte Mitarbeiter stellten sich hinter die Festivalchefin. Die zentrale Sorge: politische Einflussnahme und die Gefährdung von Kunst- und Meinungsfreiheit.

Experten warnen vor schwerwiegenden Konsequenzen

Der Publizist und Wissenschaftler Meron Mendel beschreibt die Situation als kaum zu bewältigenden Spagat. „Es ist in zwei Hinsichten schwieriger, eine deutsche Kulturinstitution zu leiten als eine internationale“, analysiert Mendel. Einerseits gebe es große Wut in der propalästinensischen Szene über die deutsche Positionierung, andererseits wollten deutsche Politiker rigide in die Kunstfreiheit intervenieren.

Regisseur İlker Çatak, Gewinner des Goldenen Bären, warnte vor den Folgen einer erzwungenen Ablösung: „Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben.“ Dies gelte auch für viele Kollegen. „Dann kann man die Berlinale gleich beerdigen.“

Strukturelle Lösungen statt Personaldebatte

Mendel plädiert für einen grundlegenderen Ansatz: „Die Probleme der Berlinale ließen sich mit einer neuen Leitung nicht lösen.“ Statt über Personen müsse über Strukturen nachgedacht werden. Eine Organisationsberatung könne helfen, die Institution krisenrobuster zu machen.

„Die Berlinale muss wissen, dass sie die volle Rückendeckung der Politik hat darin, Meinungs- und Kunstfreiheit auszuüben“, fordert der Experte. Sollte Tuttle tatsächlich abtreten, „dürfte das jeden beunruhigen, der Verantwortung für eine Kulturveranstaltung hat“.

Die Gespräche zwischen Tuttle und dem Aufsichtsratsgremium werden in den kommenden Tagen fortgesetzt. Die Festivalchefin, die seit 2024 die Berlinale leitet, hat sich bisher nicht öffentlich geäußert. Unklar bleibt, ob sie unter den aktuellen Vorzeichen überhaupt weiterarbeiten möchte – und wer angesichts der angespannten Lage bereit wäre, die Leitung zu übernehmen.

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