Roth kritisiert Weimers Einmischung: Berlinale-Chefin Tuttle bleibt vorerst im Amt
Roth kritisiert Weimers Einmischung bei Berlinale

Kulturstaatsminister Weimer unter Druck: Berlinale-Intendantin Tuttle bleibt im Amt

Die kurzfristig einberufene Krisensitzung des Aufsichtsrates der KBB GmbH, die für die Berliner Filmfestspiele zuständig ist, endete am Donnerstagmorgen ohne konkrete Entscheidung. Die angeblich bevorstehende Abberufung der Intendantin Tricia Tuttle wurde vorerst nicht vollzogen. Vor der Sitzung hatte es massive Unterstützung für Tuttle aus der Film- und Kulturbranche gegeben, die sich in offenen Briefen und Solidaritätsbekundungen äußerte.

Weimers Rolle in der Kritik

Im Zentrum der Kritik steht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, dem vorgeworfen wird, aktiv auf die Entlassung der Berlinale-Direktorin hinzuwirken. Weimer hatte als Aufsichtsratsvorsitzender zur Krisensitzung geladen, äußerte sich jedoch bisher nicht zu den internen Gesprächen. In der Sitzung wurden sowohl die künftige Ausrichtung des Festivals als auch kontroverse Äußerungen während der Preisverleihung am vergangenen Wochenende diskutiert.

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte der Bundesregierung auf der Bühne vorgeworfen, Partner "des Völkermords im Gazastreifen" zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin demonstrativ den Saal und ließ mitteilen, diese Aussagen seien inakzeptabel. Dieser Vorfall heizte die bereits angespannte Debatte um die Führung der Berlinale weiter an.

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Claudia Roth verteidigt Kunstfreiheit

Nun meldet sich auch die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth mit deutlichen Worten zu Wort. Die Grünenpolitikerin, unter deren Amtszeit Tuttle im April 2024 zur Intendantin ernannt wurde, mahnt ihren Nachfolger Weimer. "Berlin muss sich bewusst sein, was es an diesem Festival hat", sagte Roth dem "Tagesspiegel". Die Berlinale sei "weltweit das politischste A-Festival – nicht parteipolitisch, sondern gesellschaftspolitisch".

Roth betonte: "Die Berlinale ist ein offenes Festival, das Konflikte und Krisen nicht ausklammert. Sie ist ein Ort, der Kontroversen und unterschiedliche Perspektiven zulässt und schmerzhafte Debatten ermöglicht." In einer Zeit voller globaler Krisen sei dies von besonderer Bedeutung. Die Kunstfreiheit stehe unter Druck und bedeute "Freiheit von politischer Einflussnahme. Die Politik muss die Freiheit der Kunst verteidigen, auch wenn sie einem nicht gefällt." Die Autonomie kultureller Institutionen müsse geschützt bleiben.

Politische Reaktionen und Forderungen

Sven Lehmann, Vorsitzender des Bundestags-Kulturausschusses und Parteikollege von Roth, ergänzte: "Ich erwarte gerade von Kulturstaatsminister Weimer, der immer wieder von Meinungsfreiheit spricht, dass er sich hinter die Berlinale-Leitung stellt." Weimer müsse die Unabhängigkeit der Berlinale verteidigen und jeden Eindruck staatlicher Einflussnahme vermeiden. "Wer nach jeder Kontroverse mit personellen Konsequenzen droht, ersetzt Diskurs durch Kontrolle. Kultur lebt von Austausch, nicht von Einschüchterung", schrieb Lehmann in einer offiziellen Stellungnahme.

Auf der anderen Seite beharrt die CDU-Kulturpolitikerin Ellen Demuth auf einem personellen Neuanfang. "Die antisemitischen Ausfälle bei der Preisverleihung in diesem Jahr waren mit Ansage", sagte Demuth der Nachrichtenagentur AFP. Der Umgang der Berlinale-Leitung damit sei nicht angemessen gewesen. "Am Ende eines Aufarbeitungsprozesses muss daher auch ein personeller Neuanfang an der Spitze des Filmfestivals stehen", forderte die CDU-Politikerin.

Die Situation bleibt angespannt, während die Berlinale-Leitung unter Tricia Tuttle vorerst weiterarbeitet. Die Debatte um die Grenzen künstlerischer Freiheit, politischer Einflussnahme und institutioneller Autonomie wird die deutsche Kulturszene noch länger beschäftigen.

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