Italienische Politik empört über zensierte Da-Vinci-Darstellung im Olympia-TV-Trailer
Der italienische öffentlich-rechtliche Fernsehsender Rai steht wegen der Darstellung von Leonardo da Vincis berühmtem Kunstwerk "Vitruvianischer Mensch" in massiver Kritik. In einem Vorspann zu den Livesendungen der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo wurde die originale Zeichnung in einer Animation gezeigt – allerdings mit digital entferntem Genitalbereich.
Opposition spricht von "rückständigster Wohnzimmerzensur"
Die stärkste italienische Oppositionspartei, die Partito Democratico (PD), hat eine parlamentarische Anfrage an Kulturminister Alessandro Giuli gestellt. Sie möchte klären lassen, ob die Nutzung des Bildes autorisiert war und ob Änderungen am Original zulässig gewesen seien. Die oppositionelle Fünf-Sterne-Bewegung geht noch weiter in ihrer Kritik und bezeichnet den Vorfall als "rückständigste Wohnzimmerzensur".
"Die Führungsspitze der Rai fürchtet offenbar, ein Penis könne Anstoß erregen", so die linkspopulistische Partei in einer scharfen Stellungnahme. Die Empörung in der stolzen Kulturnation Italien ist groß, da eines der bedeutendsten Kunstwerke der Renaissancegeschichte verändert wurde.
Rai weist Vorwürfe zurück und verweist auf IOC-Vorgaben
Der TV-Konzern Rai wies sämtliche Vorwürfe in einer offiziellen Mitteilung zurück und sprach von einer "an den Haaren herbeigezogenen Kontroverse". Der Vorspann und das gesamte Grafikpaket stammen laut Rai von der Olympic Broadcasting Services (OBS), dem offiziellen Produktionsdienst des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).
Alle übertragenden Sender müssten diese Inhalte unverändert ausstrahlen, dementsprechend könne Rai "diese Inhalte wie jeder andere Sender auch in keinster Weise verändern". Als mögliche Ursache für die Zensur werden die strengen Richtlinien des IOC vermutet, die explizit sexuelle Inhalte untersagen.
Allerdings ist kein Sender verpflichtet, den Clip der Olympic Broadcasting Services zu verwenden, was die Position der Rai zusätzlich in Frage stellt.
Weitere Kontroversen um die Olympia-Berichterstattung
Dies ist nicht die erste Kontroverse um die Olympia-Berichterstattung des italienischen Senders. Bereits bei der Übertragung der Eröffnungsfeier geriet Rai in die Kritik:
- Sportchef Paolo Petrecca verwechselte die italienische Schauspielerin Matilda De Angelis mit US-Star Mariah Carey
- Bei der Einblendung von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella hielt der Kommentator die danebenstehende IOC-Präsidentin Kirsty Coventry für Mattarellas Tochter Laura
- Einige Sportjournalisten streikten aus Protest gegen den Ministerpräsidentin Giorgia Meloni politisch nahestehenden Sportchef
Die aktuelle Debatte um die zensierte Da-Vinci-Darstellung zeigt, wie stark Kunst, Politik und Medienberichterstattung in Italien miteinander verwoben sind und welche emotionale Bedeutung kulturelles Erbe für die nationale Identität besitzt.



