Für Anja Kossiwakis ist es ein Traum, der in Erfüllung geht. Mit 57 Jahren feiert sie in diesem Jahr ihre Premiere auf dem Laufsteg der Pariser Fashion Week. Es geht Schlag auf Schlag: Sie ergattert einen Job nach dem anderen, landet Werbedeals, wird für Events gebucht und ist mittlerweile bei einer der weltweit größten Model-Agenturen unter Vertrag. „Das ist absolut verrückt!“, sagt sie selbst.
Die Anfänge in der DDR
Ihre Karriere begann mit einem kleinen Zettel in der DDR. Im Jahr 1985 suchte der Verlag für die Frau Fotomodelle. Anja Kossiwakis, damals noch keine 20 Jahre alt, schickte Bilder ein und wurde zu Probeaufnahmen eingeladen. Der Fotograf Günter Rössler, bekannt für seine Aktaufnahmen, machte die Session. Sie wurde in die Kartei aufgenommen, doch dann passierte zunächst nichts. Zwei Jahre später erhielt sie ein Telegramm, da sie kein Telefon besaß, und wurde zum Verlag gebeten.
Es folgte eine Einladung zu ihrem ersten Fotoshooting. Mit einem Korbstuhl und einer Gitarre bewaffnet, reiste sie nach Höfgen bei Leipzig. Ohne Make-up wurde sie fotografiert, und eine Stunde später war alles im Kasten. Die Fotos waren so überzeugend, dass sie auf das Cover der DDR-Zeitschrift „Modische Maschen“ kam, das 1988 erschien. Für die nächste Ausgabe wurde ein Safari-Shooting geplant, das jedoch nicht in Afrika, sondern auf der Abraumhalde in Bitterfeld stattfand. Die Fotostrecke wurde ein Erfolg, und Anja startete mit knapp 20 Jahren als Mannequin.
Neustart nach dem Mauerfall
Nach dem Mauerfall zog sie nach Wiesbaden, wo sie bis heute lebt, verheiratet ist und drei Kinder hat. Der Neustart als Model war jedoch ernüchternd. Eine Agentur teilte ihr mit, dass Modeln nur in Vollzeit möglich sei, nicht neben ihrem Job bei der Sparkasse. Da sie aus der DDR kam und kein Geld hatte, musste sie das Modeln zunächst aufgeben. Dennoch blieb sie der Mode verbunden.
Ihre Karriere nahm Jahre später unerwartet Fahrt auf. Nach einem Bericht des „Spiegels“ 2009 über „Volkseigene Models“, in dem auch sie erwähnt wurde, nutzte sie die Gelegenheit. Sie schickte den Artikel an Designer und äußerte den Wunsch, eine richtige Show bei der Fashion Week zu sehen. Tatsächlich erhielt sie eine Einladung und besuchte mit einer Kamera die Veranstaltungen, knüpfte Kontakte zu Designern, PR-Agenturen und Models. 2013 wurde sie Fashionbloggerin für die Verlagsgruppe Rhein Main und traf viele Prominente, darunter Heidi Klum.
Der Durchbruch bei Germany's Next Topmodel
In der aktuellen Staffel von Heidi Klums Show „Germany's Next Topmodel“ nahm sie teil, schied jedoch aus. Ihrer Karriere schadete das nicht; im Gegenteil, es folgten Berichterstattungen in verschiedenen Medien. Parallel dazu ergatterte sie ihren ersten Job für die Pariser Fashion Week.
In Paris lief sie insgesamt viermal über den Laufsteg. Bei ihrer ersten Show präsentierte sie einen schwarz-weißen Mantel der Designerin Elmira Poliaieva, der an Karl Lagerfeld erinnerte. „Das Outfit hat alle begeistert“, erinnert sie sich. „Nach der Modenschau war es total irre. Alle haben gejubelt, geschrien und mich umarmt. Da waren zehn japanische Frauen, die mich gedrückt haben. Ich dachte: Was ist denn jetzt los?“ Zwei Tage später folgte ein Fotoshooting mit einem New Yorker Fotografen, Streetstyle-Shootings und Watch-Partys. Sie wurde Kampagnenbotschafterin für eine Londoner Modedesignerin, und ein Designer benannte sogar eine Tasche nach ihr.
Der Höhepunkt der Karriere als Best-Ager
Über den Celebrity-Manager Frank Kuhlmann kam sie zu einem Vertrag bei Metropolitan Models, die unter anderem Claudia Schiffer und Eva Herzigová vertreten. „Ich konnte das überhaupt nicht fassen.“ Sie ließ sich nach der Vertragsunterzeichnung fotografieren und unterschrieb innerhalb von zehn Minuten den nächsten Vertrag. „Ich bin immer noch sprachlos. Ist das jetzt wirklich passiert? Ich hätte nicht gedacht, dass das so hohe Wellen schlägt.“
Sie sieht den Wandel der Modebranche als Grund für ihren Erfolg. In den 1990er-Jahren wurde ihr noch vermittelt, sie sei zu alt. „Die Maße 90-60-90 hatte ich, aber mit Anfang 20 war das Alter das Problem.“ Dass sich die Branche für jedes Alter geöffnet hat, ist für sie ein großer Vorteil. „Wenn sich das so nicht entwickelt hätte, wäre ich auch nicht auf dem Laufsteg in Paris gewesen. Dass ich da mal hin und mittendrin sein kann, hätte ich mir niemals vorstellen können.“
Bereits vor „GNTM“ wurde sie für einen internationalen Werbespot von L'Oréal gebucht, und 2025 lief sie erstmals auf der Berlin Fashion Week. „Mit den grauen Haaren, das fanden alle jetzt irgendwie cool“, sagt sie. In der „Elle Swiss“ und der „Vogue Greece“ wurde über sie berichtet. Im Januar dieses Jahres lief sie erneut auf der Berlin Fashion Week, bevor der „Topmodel“-Auftritt bei Heidi Klum kam.
Über soziale Medien erhält sie viele Nachrichten, wird gelobt und um Rat gefragt. Ihr Erfolgsgeheimnis: „Man muss daran glauben und dran bleiben. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, können auch mit 57 Jahren noch Träume wahr werden.“ Mit ihrer Energie möchte man glauben, dass sie locker weitere 57 Jahre als Model durchhält. „Jetzt will ich noch mal richtig durchstarten. Da kann alles passieren.“



