Welcher Ritt ist härter? 17 Tage auf dem Fahrradsattel, Wind und Wetter ausgesetzt, entlang einer historischen Route – oder 55 Tage Filmschnitt auf einem Bürostuhl, allein in einem dunklen Raum vor einem flimmernden Bildschirm? Robert Tomschke kennt die Antwort. Er hat beides durchgestanden. Nach der „Bike the Line“-Tour entlang der ehemaligen Demarkationslinie, die er mit der Kamera begleitete, folgte die zweite Etappe: Aus mehr als 60 Stunden Material mussten 92 Minuten Film entstehen – rechtzeitig zum Filmkunstfest in Schwerin.
Vom Zufall zur Deadline
Geplant war das nicht. Der Zeitplan entstand durch Zufall. „Eigentlich hatten wir keinen Druck“, erzählt der Film- und Videoeditor aus Oranienburg, der sich im März einen Monat Urlaub für das Projekt genommen hat. Doch dann landete ein Artikel über die Radtour auf dem Tisch der Macher des Filmkunstfests. Ein Anruf folgte – man wolle die Premiere gerne in Schwerin zeigen – und plötzlich gab es eine Deadline. Tomschke lacht: „Filmeditoren brauchen Druck. Wenn man einen Termin hat, weiß man, wofür man arbeitet.“
Das Drehbuch lag auf der Straße
Ein Drehbuch für die Tour gab es nicht. Tomschkes Ansatz war simpel: „Das Drehbuch kommt zu uns. Wir fahren los. Der rote Faden ist die Demarkationslinie.“ Die Geschichten, die sie unterwegs sammelten, ließen sich nicht planen. So erzählt er von einem 95-jährigen Mann, der sie in Ludwigslust vor einem Supermarkt abpasste. Er hatte im Fernsehen von dem Projekt erfahren und bestand darauf, sie auf seinem E-Bike durch die Stadt zu begleiten. Tomschke, der als einziges Gruppenmitglied aus der Filmbranche kam, erkannte den Moment direkt. „Ich habe natürlich sofort die Kamera angemacht“, sagt er. Erst nach Minuten hätten die anderen gefragt: „Läuft die Kamera schon?“ Seine Antwort: „Ja, ja, schon ganz lange.“
60 Stunden in 92 Minuten
Von solchen ungeplanten Momenten erzählt Tomschke viel. Die größte Herausforderung lag darin, die richtigen Szenen für den Film auszuwählen. Aus 60 Stunden Material – zweieinhalb Tage ununterbrochenes Schauen – entwickelte er die erste Schnittfassung. Sie dauerte zwei Stunden, dann begann das Kürzen. „Das ist mein täglich Brot“, sagt er über das Prinzip „Kill your Darlings“ – trenne dich von deinen Lieblingsszenen. Ganze Geschichten fielen dem Schnitt zum Opfer: etwa die Begegnung in Schwerin, bei der ein Mann von der Zwangssterilisierung seiner Familie während der NS-Zeit erzählte, oder eine kräftezehrende Bergfahrt in Österreich.
Die Kunst bestand darin, eine emotionale Balance zu schaffen. „Wir wollen ja nicht den ganzen Film über heulen“, erklärt Tomschke. Besonders der Besuch im Konzentrationslager Mauthausen hinterließ bei ihm tiefe Spuren. Er sei so intensiv gewesen, dass das Team danach „völlig gesättigt“ und „gar nicht mehr aufnahmefähig“ war, als die Radler kurz darauf noch ein Museum besuchten. Im Schnitt schuf Tomschke Raum zum Atmen. Auf die Schwere der Geschichten folgen ruhige Momente der Radtour und Landschaftsaufnahmen. Sie geben dem Publikum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten, bevor der Film die nächste Geschichte erzählt.
Sein Vorteil dabei war, selbst Teil der Reise gewesen zu sein. „Ich kannte fast jede Situation und wusste, was mich im Rohmaterial erwartet. Das hat mir natürlich wahnsinnig in die Karten gespielt“, sagt er. Während er das Material sichtete, erlebte er das Abenteuer ein zweites Mal.
Premiere für die „Jungs“
Den Schnittprozess bewältigte er allein. Seine „Jungs“, die anderen Teammitglieder, überließen ihm das Steuer. Den fertigen Film kennen sie noch nicht. „Sie haben gesagt: ‚Zeig uns bitte nichts mehr. Wir wollen den ganzen Film im Kino sehen‘“, erzählt Tomschke. Das einzige Testpublikum sei seine Frau gewesen. Deren Urteil war knapp: Sie habe alles verstanden.
Die richtige Testvorführung steht nun bevor. Am 10. Mai um 17:15 Uhr treffen sich die Radfahrer zur Premiere in Kino 1 des Filmpalasts „Capitol“. Ob er nervös sei? Tomschke gibt sich gelassen. Richtig aufgeregt wäre er wohl erst, „wenn Netflix anrufen würde“. Und doch ist dieser Film für ihn besonders. Sein erstes allein geschnittenes Projekt ist ein Zeitdokument, das die kleinen Geschichten festhält, die bald niemand mehr erzählen kann, denn „die Leute, die im Krieg Kinder waren“, sagt Tomschke, „die sterben jetzt einfach weg.“ Und das sei das Hauptproblem. Irgendwann könne man sie nicht mehr fragen.



