Berlinale-Retrospektive 'Lost in the 90s': Als die Generation X ins Digitale schlitterte
Die Berlinale blickt in ihrer aktuellen Retrospektive mit dem Titel 'Lost in the 90s' zurück auf eine turbulente Dekade. In den Neunzigern schlitterte die Generation X von der Analogwelt ins Digitale, während politische und gesellschaftliche Umbrüche die Filmlandschaft prägten. Die Auswahl umfasst 24 Filme, die die Zeitenwende nach dem Mauerfall einfangen.
Berlin als Bühne des Umbruchs
Nach dem Fall der Mauer lag Berlin brach und präsentierte sich als zerzauste Landschaft. Die Filme dieser Ära versammeln nomadische, oft verlorene Existenzen zwischen Trabis, Treuhand und ehemaligen Stasioffizieren. Ihre spröde Ruinenästhetik oszilliert zwischen Postsozialismus und neuem altem Nationalismus. Die anfängliche Wende-Euphorie schien zu kurz, um auf die Leinwand zu gelangen – stattdessen dominiert eine Stimmung des Übergangs, in der das Alte verschwindet und das Neue auf sich warten lässt.
Jean-Luc Godards Essayfilm 'Allemagne année 90 neuf zéro' zeigt Eddie Constantine auf Wanderschaft zwischen Neptunwerft und Braunkohlebagger. In Dušan Makavejevs anarchischer Satire 'Gorilla Bathes at Noon' irrt ein vergessener Rote-Armee-Major durch Berlin, umgeben von Mauerspechten und dem Rollheimerdorf. Selbst das Köpfen einer Lenin-Statue offenbart bei genauerem Hinsehen Momente morbider Schönheit.
Subkulturen und Systemkritik
Die Retrospektive gliedert sich in drei thematische Stränge: Berlin-Geschichten, 'East Meets West'-Erkundungen und systemkritische Werke unter dem ironischen Titel 'The End of History'. In Kreuzberg siedelte Michael Stock seine queere Aussteiger- und Junkie-Tragödie 'Prinz in Hölleland' an, während Kutluğ Ataman mit 'Lola und Bilidikid' die erste türkische Drag-Queen-Story präsentierte.
Der Blick ins fernere Osteuropa liefert nüchterne wie erschütternde Befunde. 'Orange Vests' dokumentiert die unmenschlichen Arbeitsbedingungen von Frauen in Belarus, Tadschikistan und der Ukraine, die radioaktiv verstrahlten Flachs mit bloßen Händen verarbeiten. Harun Farocki und Andrei Ujica analysieren in 'Videogramme einer Revolution' die Macht der Bilder beim rumänischen Regimesturz.
Globale Inspiration und Low-Budget-Revolution
Die Umbruchstimmung inspirierte Filmemacher weltweit. Die Neunziger markierten die Hochzeit von Low- und No-Budget-Produktionen sowie Underground-Indies. In den USA verpasste Richard Linklater mit seinem Debüt 'Slacker' den Babyboomern ihren Kosenamen und feierte eine erstaunlich erträgliche Leichtigkeit des Seins.
Namhafte Filmschaffende wie Chantal Akerman, Werner Herzog und Ulrike Ottinger bereicherten das Programm. Ottingers 'Johanna d'Arc of Mongolia' nimmt mit Delphine Seyrig und Irm Hermann an Bord der Transsibirischen Eisenbahn den Eurozentrismus aufs Korn. Krzysztof Kieślowski drehte mit 'Die zwei Leben der Veronika' erstmals im Westen und schuf eine polnisch-französische Doppelgängerin.
Zeitkapsel der Neunziger
Die Dekade fungiert als Zeitkapsel, in der alles bereits vorhanden oder noch präsent ist: Tschernobyl, neue rechte Strömungen, soziale Spaltungen und postkoloniale Diskurse. Der Rassismus in den USA fand im Kino eine radikale Darstellung, wie John Singletons 'Boyz n the Hood' zeigt, der in Cannes für Furore sorgte und Spike Lee Konkurrenz machte.
Die Retrospektive präsentiert ein Sammelbecken verschiedenster Subkulturen – von Musikvideos über osteuropäisches Autorenkino bis hin zu rebellischem Black Cinema. Ein Highlight ist die New-York-Comedy 'Party Girl' mit Parker Posey, die im Vintage-Glamourlook mit Leopardenmantel und hochhackigen Sneakers zum Falafel-Stand läuft und extra scharfe Sauce bestellt.
Die Vorführungen finden teilweise im ehemaligen E-Werk in der Mauerstraße statt, das in den Neunzigern einer der angesagtesten Technoclubs Berlins war. Heute beherbergt es die für die Reihe verantwortliche Kinemathek und bietet damit den perfekten Rahmen für diese Reise in eine vergangene Ära.



