Berlinale-Start im Zeichen des Umbruchs: Eisbären, Schlaglöcher und wenig Komödien
Berlinale-Start: Eisbären, Schlaglöcher und wenig Komödien

Berlinale-Start im Zeichen des Umbruchs: Eisbären, Schlaglöcher und wenig Komödien

Der erste Tag der Berlinale 2024 ist geprägt von Schlaglöchern, Schmuddelwetter und einer auffälligen Abwesenheit von Komödien. Während das Festival seine gute Laune auf Partys sucht, trifft es auf ein Berlin, das sich im ständigen Abriss und Wiederaufbau befindet. Eine Kolumne von Robert Ide zeichnet ein Bild dieser besonderen Atmosphäre.

Frostige Aussichten auf dem Roten Teppich

Gleich zu Beginn wartet eine Neuerung: Die Filmstars laufen auf dem sogenannten Splitt Screen. Die Frage drängt sich auf, wie sie das ganze Schneeregenmatschgeröll vom Roten Teppich kratzen wollen. Berlinale-Chefin Tricia Tuttle mahnt zum Start: „Die Berlinale darf kein festgefrorenes Festival werden.“ Ob sie dabei die aktuellen Wetterprognosen im Blick hatte, bleibt offen. Immerhin bietet der Merchandise-Stand neben bärigen Postkarten diesmal auch Berlinale-Schals an – frostsicher, wie betont wird. Der Ruf „Hey, wir woll’n die Eisbär’n seh’n!“ scheint Programm zu sein.

Berlin im Zustand des Übergangs

Vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz wurden schnell die letzten Schlaglöcher zugeteert. Nebenan wartet das Sony Center auf einen neuen Namen und steht offensichtlich vor dem Abriss. Unter dem Zeltdach, das in den Neunzigern Berlins Zukunftsträume beschirmte, harrt ein großer Weihnachtsbaum seiner Abholung durch die Berliner Stadtreinigung. Dort, wo einst ein großes Kino das Leben ausleuchtete, spekuliert heute ein Foodcourt auf Touristen ohne Google Maps. Draußen sind noch reichlich Plätze frei – eigentlich alle. Wer neben der Küche in den Fahrstuhl steigt, landet im Keller, in dem früher Träume über Leinwände flimmerten. Heute warten hier Rigipswände und ein angeklebter Bauplan auf Menschen, die sie umsetzen. Zu sehen ist jedoch niemand. In den Katakomben des Sony Centers liefen einst Filme, nun herrscht Stille.

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Eisbären und klaustrophobische Höhlen

Der Wunsch, die Eisbären zu sehen, bleibt bestehen. Im Kurzfilm „Chuuraa“ wühlt sich ein Paläontologe durch den Permafrostboden der sibirischen Arktis. Die Ankündigung verspricht „eine Reise durch klaustrophobisch enge, gefährliche Höhlen“. Als Vorfilm empfiehlt sich ironischerweise die Anreise mit der Berliner U-Bahn. Nach dem Abspann sucht man Zerstreuung: Die legendäre Red-Night-Party wurde gestrichen, stattdessen lockt die hessische Landesvertretung mit einem „Äppleritivo“. Die Einladung lautet knapp: Ja/Wein/Vielleicht.

Das Lachen bleibt aus

Zum Schluss eine ernüchternde Feststellung: Komödien scheinen in diesem Jahr überbewertet zu sein. Wer will schon lachen in diesen Tagen? Die Berlinale-Planer offenbar nicht. Zuletzt im Kino gelacht hat der Autor bei einer Dokumentation über einen SPD-Ortsverein. Dort fragt ein junger Leidensgenosse, warum er andauernd abends in Sitzungen rumsitzt: „Ich könnte um 22 Uhr auch schlafen oder Wäsche aufhängen.“ Da ist die Entscheidung klar: Lieber Berlinale bis late in the night. Eis gibt’s bald wieder gratis – vielleicht eine Metapher für die frostige Stimmung.

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