Berlinale auf der Suche nach sich selbst: Rückkehr zum Sommerfestival als Vision
Berlinale: Vision einer Rückkehr zum Sommerfestival

Berlinale auf der Suche nach sich selbst: Rückkehr zum Sommerfestival als Vision

Deutschlands größtes Kulturfest, die Berlinale, befindet sich in einer Phase der Selbstfindung. Das bedeutende Filmfestival, das nebenbei als wichtigste Kulturveranstaltung des Landes gilt, gleicht aktuell einer Baustelle. Es fehlt an einem kraftvollen Zentrum, ähnlich wie der Stadt Berlin selbst, die während der Festivaltage wieder vollständig im Zeichen des Kinos steht.

Die Herausforderungen eines winterlichen Festivals

Am Potsdamer Platz, wo traditionell der rote Teppich ausgerollt wird, dominieren inzwischen Spielhallen die Szenerie, während Kinosäle rar geworden sind. Zwar wurden mit Veranstaltungscontainern optische Verbesserungen vorgenommen, doch der Glanz einer internationalen Weltmetropole bleibt aus. Im westlichen Stadtzentrum erstrahlt zwar der renovierte „Zoo-Palast“, doch die umliegenden Kinosäle sind größtenteils in Kaufhäuser umgewandelt worden.

Im östlichen Teil der Stadt bietet der „Cubix“-Würfel und bald wieder das ehemalige DDR-Premierenkino „International“ einige Anlaufpunkte, doch insgesamt herrscht das Flair einer zugigen Dauerbaustelle vor. Die Berlinale reagiert darauf mit typisch Berliner Improvisationstalent: Das Festival weicht auf kleinere Ladenkinos in den Kiezen, knarrende Vorlesungssäle oder stimmungslose Musikhallen mit Klappstühlen aus.

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Eine historische Entscheidung und ihre Folgen

Im Jahr 1978 verlegte die Berlinale ihre Termine in den Winter, um sich als Schaufenster für die Oscars zu positionieren und sich von der Strandfilmparty in Cannes im Mai abzugrenzen. Heute zeigt sich jedoch, dass die Hollywood-Elite das Berliner Festival kaum noch beachtet; auch in diesem Jahr stehen vergleichsweise wenige Stars auf der Gästeliste. Cannes hat sich indes längst als unangefochtene Nummer eins im Independent-Kino etabliert.

Es ist höchste Zeit, dass sich Berlin vom Blick auf andere Festivals emanzipiert und das tut, was es am besten kann: sein eigenes Ding machen. Mehr als 300.000 Besucher werden dennoch in die 277 Filme strömen, um eine cineastische Reise von der Arktis bis in den Urwald zu unternehmen. Die Berlinale genießt nach Hertha BSC wohl die treuesten Fans der Stadt, die immer wieder mit der Hoffnung auf ein Wunder zurückkehren.

Die Vision einer Sommer-Berlinale

Welches Wunder könnte das für die Berlinale sein? Ein Freiluft-Freiheits-Festival im Sommer, ähnlich dem Corona-Sommer 2021 auf der Museumsinsel, stellt eine verlockende Vision dar. Im Sommer bräuchte die Berlinale kein festes Zentrum, denn dann entfaltet Berlin überall seinen besonderen Charme. Zudem fehlt der Stadt ohnehin ein großartiges Sommerfestival von internationalem Format.

Die Sommer-Berlinale begeisterte 2021 auf der Museumsinsel und zeigte, dass alternative Konzepte möglich sind. Das Kino wird auch in diesem Jahr wieder beweisen, was es vermag: Menschen mit seiner Menschlichkeit zu berühren. Das wird viele Besucher im nicht enden wollenden Berliner Winter wärmen. Unter der Leitung von Festivalleiterin Tricia Tuttle hat der Wettbewerb wieder an Stärke gewonnen, und man darf auf eine gelungene Mischung aus Freiheitsfilmen und Eskapismus aus aller Welt hoffen.

Passend dazu leitet Starregisseur Wim Wenders diesmal die Jury. Mit seinem epochalen Werk „Himmel über Berlin“ hat er einst Träume von der Zukunft erschaffen. Genau davon benötigen die Berlinale und Berlin wieder mehr: visionäre Ideen und mutige Entscheidungen.

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