Buchhandlungspreis-Debatte: Bremer Buchhandlung verteidigt umstrittene Fassaden-Zitate als Kunst
Bremer Buchhandlung verteidigt Fassaden-Zitate als Kunst

Buchhandlungspreis-Debatte: Bremer Buchhandlung verteidigt umstrittene Fassaden-Zitate als Kunst

In der hitzigen Debatte um den Deutschen Buchhandlungspreis wehrt sich die Bremer Buchhandlung „Golden Shop“ entschieden gegen die Kritik an ihrer kontroversen Fassadengestaltung. Die Hauswand des vom Preis ausgeschlossenen Ladens zeigt provokative Sprüche wie „Deutschland verrecke bitte“, was nach Angaben der Buchhandlung jedoch in einem künstlerischen Kontext zu verstehen ist.

Anwältin bezeichnet Kritik als „durchsichtiges Ablenkungsmanöver“

Die Anwältin der Buchhandlung, Lea Voigt, erklärte in einer ausführlichen Stellungnahme, dass es sich bei dem umstrittenen Schriftzug um ein Zitat der Punkband Slime handelt. Sie wies die Vorwürfe scharf zurück und bezeichnete die Kritik an der Fassade als ein „durchsichtiges Ablenkungsmanöver“, das von den eigentlichen politischen Auseinandersetzungen ablenken solle.

Voigt verwies dabei auf eine bedeutende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu diesem speziellen Zitat. Dem Gericht zufolge beruht der künstlerische Anspruch des Liedes auf seinem literarischen Vorbild, dem berühmten Gedicht „Die Schlesischen Weber“ von Heinrich Heine aus dem Jahr 1844. In diesem Werk heißt es eindringlich: „Deutschland, wir weben dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch - Wir weben, wir weben!“

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Fassade als komplexes Kunstobjekt mit vielfältigen Zitaten

Die Juristin betonte nachdrücklich, dass die gesamte Wandgestaltung als ein durchdachtes Kunstprojekt zu verstehen sei. „Die derzeitige Fassade spielt mit verschiedensten Zitaten aus Liedern, Büchern und Filmen“, erläuterte Voigt. Neben dem viel diskutierten Spruch finden sich dort auch bedeutende Aussagen wie „Blutsverwandtschaft ist eine Geisteskrankheit“ des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus sowie prägnante Formulierungen des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan.

Voigt kritisierte in ihrer Stellungnahme scharf, dass die an der Fassade geübte Kritik erschreckende Lücken im Kanon der Hoch- und Popkultur offenbare. Sie wandte sich dabei direkt an Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit deutlichen Worten: „Wer Zitate berühmter Philosophen wie Marshall McLuhan und Karl Kraus nicht erkennt und deshalb auch die anderen Zitate nicht in einen künstlerischen Kontext einordnen kann, ist in dem Amt eine Fehlbesetzung.“

Drei Buchhandlungen von Preisnominierung ausgeschlossen

Der parteilose Staatsminister Weimer hatte zuvor die Bremer Buchhandlung gemeinsam mit zwei weiteren als links geltenden Buchläden in Berlin und Göttingen aufgrund von „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ von der Nominiertenliste für den Deutschen Buchhandlungspreis streichen lassen. Ursprünglich war die Auswahl durch eine unabhängige Jury erfolgt.

Nach dieser Entscheidung erhob sich eine Welle der Empörung mit zahlreichen Rücktrittsforderungen gegen Weimer, die jedoch von der Bundesregierung entschieden zurückgewiesen wurden. Kritiker warfen dem Staatsminister vor, in die grundgesetzlich geschützte Kunst- und Kulturfreiheit einzugreifen und dabei unehrlich zu agieren.

Weimer verteidigte sein Vorgehen mit dem Argument, der mit Steuergeldern finanzierte Preis dürfe nicht „an Feinde des Staates“ vergeben werden. In der anschließenden öffentlichen Debatte um Weimers umstrittene Entscheidung wurde auch vermehrt Kritik an dem Schriftzug auf der Fassade des „Golden Shop“ laut.

Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste ließ Weimer schließlich die für den 19. März auf der Leipziger Buchmesse geplante feierliche Preisverleihung absagen. Die ausgezeichneten Buchhandlungen sollen ihr Preisgeld und die offiziellen Urkunden nun direkt erhalten, ohne öffentliche Zeremonie.

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