Cézanne: Der störrische Vater der Moderne, der mit den Augen dachte
Cézanne: Der störrische Vater der Moderne

Cézanne: Der Einzelgänger, der die Kunst revolutionierte

Paul Cézanne strebte nie danach, die Kunst zu erneuern. Stattdessen widmete er sich scheinbar einfachen Motiven wie Äpfeln, Bergen und badenden Figuren. Dennoch wurde er, wider seinen Willen, zu einem entscheidenden Wegbereiter der modernen Malerei. Dieser störrische Einzelgänger aus Aix-en-Provence dachte mit den Augen – ein Prozess, der ihn fast zerbrechen ließ.

Ein Leben in Distanz und Fremdheit

Cézanne fühlte sich nie ganz in der Welt angekommen. Stets blieb eine Distanz, eine Fremdheit zwischen ihm und den Dingen, die er malte. Er staunte darüber, wie sie sich zeigten, verführerisch und stolz, sich dann aber doch entzogen. Ein Fotograf hielt einmal fest, wie er mürrisch durch die provenzalischen Weinberge stapfte, beladen mit Malutensilien und der Last seiner eigenen verletzten Identität. Da sitzt er am Wegrand, die abgeschabten Hosenbeine, die ausgebeulten Jackentaschen, der Strohhut im Gras. In seinem Kopf brodelte nur Empörung über ausbleibende Farbenlieferungen.

Wie oft stehen Betrachter vor seinen Bildern – den frühen und späten Werken, den Zeichnungen, Aquarellen, Stillleben und seltsamen Porträts. Vor dem Südlicht über der Montagne Sainte-Victoire oder den Badenden, die in einem unbestimmten Nirgendwo ihr freizügiges Leben zu genießen scheinen. Diese Bilder wurden wortreich analysiert, blieben aber wunderbar stumm und bewahrten ihr unkorrumpierbares Geheimnis.

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Die unbestrittene Vaterschaft der Moderne

Die Ausstellung im Privatmuseum des ehemaligen Basler Kunsthändlers Ernst Beyeler bietet erneut Gelegenheit, Cézannes Werk zu entdecken. Picasso bekannte einst, er und Braque hätten Cézannes Malerei verschlungen: „Cézanne, c’était notre père.“ Diese Vaterschaft ist nie bestritten worden. Cézanne überstand den Umbruch zur Moderne unbeschadet, obwohl er sich etwa zwei Kartenspieler im Bistro nur als Freigänger aus der Nervenklinik vorstellen konnte.

Es lohnt sich, über die unverbrauchte Magie seines Schaffens nachzudenken, über das Staunen, das nie erwachsen werden wollte. Cézanne war der Revolutionär vor der Revolution. In der malerischen Erfahrung – ohne Theorie oder Lehre – bereitete er eine Seh- und Erkenntnisemanzipation vor, die Farben und Formen von den Gegenstandsmatrizen löste und den Bildräumen ihre illusionistische Unschuld nahm.

Der Kampf zwischen Bildintelligenz und Schönheit

Cézannes Beitrag zur Moderne war mehr als nur Vision. Die wahre Faszination seines Werks liegt im nie aufgegebenen Schwellenzustand, in der Spannung zwischen dem, was er sich zutraute und was nicht, im ungewinnbaren Kampf zwischen Bildintelligenz und dem Zwang zur Schönheit. Rilke beobachtete, dass Cézanne seine Bildgegenstände zwinge, schön zu sein, die ganze Welt zu bedeuten, ohne zu wissen, ob sie es für ihn taten.

Wenn Erfindung das Programm des Kunstfortschritts im 19. Jahrhundert war, gehörte Cézanne nicht wirklich dazu. Er erfand nichts, erschloss keine neuen Bildwelten und experimentierte nicht mit neuen Techniken. Er malte Früchtestillleben, weil es alle Maler taten, und sorgte dafür, dass kein Apfel vom Tisch rollte, auch ohne Zentralperspektive.

Die Magie der Landschaft und des Augendenkens

Ansonsten packte er sein Zeug und ging auf den Hügel Les Lauves oberhalb von Aix. Dort, zwischen Oliven- und Feigenbäumen, lauschte er dem Farbgeheimnis der Montagne Sainte-Victoire, wartete, bis sich die Landschaft ins Dunkelgrüne und die Felsen ins Himmelblaue verwandelten. Lange saß er da, bis die Sonne ihr Licht in flirrende Farbwölkchen zerstreute. Wenn er müde wurde, dachte er die schwierigen Gedanken: „Der Inhalt unserer Kunst liegt in dem, was unsere Augen denken.“

Nach über hundert Jahren sind solche Sessions im Freiluftatelier kaum vorstellbar. Die Landschaften wirken schwerelos, leicht skizziert, der Sommer mediterran temperiert. Dass hier mit den Augen gedacht wurde – und dieses Denken nicht nur vergnüglich war –, ist den zarten Aquarellen kaum anzusehen. Was befreite diesen Maler nie vom Denkzwang? Warum schien ihm Schönheit selbst im sonnigsten Augenblick nur mit Anstrengung erreichbar?

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Schönheit als errungene Bildschönheit

Schönheit bedeutet bei Cézanne nicht Feier des Naturschönen, sondern errungene, erkämpfte Bildschönheit. Die Serie der Montagne Sainte-Victoire ist keine Hommage an ein intaktes Paradies. Bei jeder Wiederbegegnung mit dem Werk erlebt man den schmalen Grat zwischen Anforderung und Überforderung, das ewige Ringen mit dem Engel.

Dies darf nicht mit Gewaltanwendung verwechselt werden. Die Brüche mit Traditionen, zu denen sich Künstler seiner Generation entschlossen, blieben Cézanne fremd. Dass alles neu erfunden werden müsste, konnte er sich nicht vorstellen. Dass Kunst nur entsteht, indem sie Kunst hinter sich lässt, war kein Programm für einen, der sich von alten Bildern nicht trennen konnte.

Traum an der Schnittstelle der Zeiten

Es ist nicht falsch, in den Sainte-Victoire-Aquarellen einen historischen Augenblick vor dem Triumph der Abstraktion zu sehen. Tatsächlich erscheinen Cézannes Landschaften mehr und mehr als reines Farbspiel, als Koloratur. Doch diese Gegenstandsvergessenheit folgt keinem Programm; sie gleicht einem Traum an der Schnittstelle von alter und neuer Zeit. Cézanne dachte mit den Augen, verfasste aber kein Manifest.

Andere wie die Impressionisten malten den bürgerlichen Alltag, das Selbstbewusstsein des Modern Life. Seurat setzte die Welt aus Farbtüpfelchen neu zusammen, Matisse legte elegante Linien um nackte Frauenkörper, die Kubisten zerlegten Körper in geometrische Teile – alle hatten Spaß daran, ihr Publikum mit Neugeburten zu verwirren. Cézanne sah seinen Badenden zu, als halte er die Hand vor die Augen und schaue nur durch die Fingerritzen.

Die versteckten Antriebe und Strategien

Vor dem wiederkehrenden Badenden-Motiv wird deutlich, dass dieses Werk nicht nur auf bildnerische Intelligenz reduziert werden kann. Es finden sich Antriebe und unwillkürliche Strategien, die ihm ebenso bedeutsame Gestalt gaben. In der Basler Ausstellung wird anschaulich, wie das Werk von der Wiederkehr des Abgedrängten rhythmisiert wird, wie es von inneren, eingeschriebenen Bildern besetzt bleibt.

Cézanne weicht malerisch an Gestade aus, die er nie besuchte, zu Menschen, mit denen er nichts gemein hatte. Gut versteckt hinter laubreichen Büschen: ein Protokollant des verlorenen arkadischen Selbstgenusses. Was er protokolliert, ist verklemmte Erotik, Befangenheit, skulpturale Posen, Disproportionen, Gesichtslosigkeit, Scham, die unfähig macht zu Genuss und Glück. Auf den ersten Blick wie Wiedereintritt ins Paradies, doch die Rückkehrer, zittrige Figurenchiffren, können nicht verheimlichen, dass sie da nicht mehr hingehören.

Die Freiheit des Bildes

Cézanne machte eine entscheidende Erfahrung: Nichts ist so fest, stabil oder verlässlich, um das Bedrängende unter seiner Bildkontrolle zu halten. Das Bild ist frei. Erinnerung, Bemühung, Wissen, Ahnung, Hoffnung – all das sind seine Bausteine, die sich vor den Augen türmen, als seien sie bislang nur nicht richtig gesehen worden, als beginne das Sehen überhaupt erst jetzt mit ihnen. Vielleicht war die Kunst niemals freier als in den Augen dieses Malers, der wohl nie ganz angekommen sein wollte auf der Welt.