Philosoph Jürgen Habermas gestorben: Ein Meisterdenker verstummt mit 96 Jahren
Frankfurt/Starnberg • Die deutsche Geisteswelt trauert um eine ihrer prägendsten Stimmen. Jürgen Habermas, der als einer der einflussreichsten Philosophen und öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit galt, ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg verstorben. Dies teilte der Suhrkamp Verlag unter Berufung auf die Familie mit. Der Frankfurter Philosoph Rainer Forst würdigte das hinterlassene Werk mit den Worten, dass der Begriff "einzigartig" dafür viel zu blass sei.
Ein Leben für die Vernunft und demokratische Debattenkultur
Habermas verkörperte wie kaum ein anderer die Rolle des politischen Intellektuellen. Sein Biograf Stefan Müller-Doohm erklärte, dass Habermas stets "einen hohen Nachrichtenwert" besaß, weil er regelmäßig den geschützten Raum der Universität verließ, um als streitbarer Debattenteilnehmer Einfluss auf die Mentalitätsgeschichte Deutschlands zu nehmen. Der Autor Roman Yos, der mit Müller-Doohm ein Gesprächsband zu Habermas' 95. Geburtstag veröffentlichte, beschrieb den Philosophen noch im hohen Alter als "sehr rege, sehr wach, geistig punktgenau fixiert".
Bahnbrechende Werke und späte Produktivität
Die akademische Karriere des am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborenen Denkers begann in den 1960er Jahren in Frankfurt am Main. Sein frühes Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" von 1961 gilt bis heute als bahnbrechend und thematisch hochaktuell. Darin zeichnete Habermas die Grundlagen eines gesellschaftskritischen Denkens nach, das demokratischen Traditionen verpflichtet ist.
Sein Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" von 1981 entwickelte er zu einem Handlungsleitfaden für die moderne Gesellschaft. Darin argumentierte er, dass die normsetzenden Grundlagen einer Gesellschaft in der Sprache liegen, die als Verständigungsmittel erst soziales Handeln ermöglicht. In "Erkenntnis und Interesse" von 1968 stellte er heraus, dass es keine "objektive" Erkenntnis gibt – weder in der Wissenschaft noch in Politik und Gesellschaft sei sie unabhängig von jeweiligen Interessen.
Selbst im hohen Alter blieb Habermas höchst produktiv. Noch 2019 veröffentlichte er unter dem bescheidenen Titel "Auch eine Geschichte der Philosophie" ein imposantes Alterswerk von 1750 Seiten, das das Spannungsfeld zwischen Glauben und Wissen beleuchtete. Die Fachwelt urteilte, dieses Werk sei "an systematischer Gestaltungskraft kaum zu überbieten", aber auch "eine Herausforderung für jeden Leser".
Politisches Engagement und akademische Stationen
Die Erfahrung, unter dem nationalsozialistischen Regime gelebt zu haben, löste bei Habermas eine enorme Politisierung aus und begründete sein lebenslanges Engagement für Demokratie. Nach seiner Promotion 1954 in Bonn und Habilitation 1961 in Marburg übernahm er 1964 den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie von Max Horkheimer an der Universität Frankfurt – mitten in der Zeit der Studentenproteste.
In den 1970er Jahren arbeitete er an zwei Max-Planck-Instituten in Bayern, bevor er 1983 nach Frankfurt zurückkehrte. Seine späten Lebensjahre verbrachte er am Starnberger See. Die Frankfurter Jahre bezeichnete er selbst als "die befriedigendste Zeit meines akademischen Lebens". An seinem 90. Geburtstag wurde er bei einem Vortrag an seiner alten Hochschule wie ein Popstar gefeiert – 3000 Zuhörer lauschten seinen Worten, die in fünf Säle übertragen wurden.
Ein Vermächtnis der Vernunft und des Dialogs
Habermas mischte sich bis ins hohe Alter in kontroverse Debatten ein – von der Studentenbewegung über Wiedervereinigung, NATO-Einsätze und Bankenkrise bis hin zu Corona, Ukraine-Krieg und Nahost-Konflikt. "Er kann nicht nicht politisch denken", betonte Roman Yos. Das Magazin "Cicero" setzte Habermas 2019 nach Peter Sloterdijk auf Platz zwei der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.
Gemeinsam war all seinen Positionen stets ein positives Menschenbild und der unerschütterliche Glaube an die Macht der Vernunft sowie an die Kraft des besseren Arguments. Schon zu seinem 80. Geburtstag hatte Habermas beschlossen, sein Archiv der Universität Frankfurt zu überlassen. Seit seinem 85. Geburtstag waren die Unterlagen für Wissenschaftler zugänglich.
Habermas war seit 1955 mit seiner Frau verheiratet und hinterlässt drei erwachsene Kinder. Sein Werk bleibt als Leitfaden für demokratische Diskurskultur und als Plädoyer für vernunftgeleitete Verständigung erhalten – ein Vermächtnis, das in Zeiten polarisierter Debatten aktueller denn je erscheint.



