Phänomen Tradwife: „Bei uns hat der Mann das letzte Wort“ – was hinter dem Trend steckt
Phänomen Tradwife: Wenn Frauen sich in der Elternzeit radikalisieren

Pastellfarbene, blitzsaubere Küchen, frisch angesetzter Sauerteig in Regenbogenfarben, das Baby auf der Hüfte, perfekt sitzende Kleidung und ein sanftes Lächeln im Gesicht der „geborenen Hausfrau“ – in den sozialen Medien wirkt das Tradwife-Idyll wie ein Versprechen: Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. Doch der Schein trügt. „Es sieht harmlos aus“, sagt die Journalistin und Schriftstellerin Hannah Lühmann, „aber es ist politisch aufgeladen – und es wirkt vor allem dort, wo weibliche Einsamkeit beginnt.“

Ein Roman über das Tradwife-Phänomen

Die zweifache Mutter hat einen Roman zum Thema geschrieben: „Heimat“. Am 23. April um 19.30 Uhr stellt sie ihn im Literaturhaus Rostock im Peter-Weiss-Haus vor. Lühmann beschreibt, wie sie selbst von den Inhalten erfasst wurde: „Mich haben diese Inhalte eiskalt erwischt, als ich gerade aus meiner zweiten Elternzeit zurück in den Beruf kehrte.“ Zwischen Kita-Eingewöhnung, Stillen und dem Versuch, beruflich wieder Fuß zu fassen, hätten die Videos eine beinahe „sogartige Wirkung“ auf sie gehabt.

Das Versprechen von Ordnung und Nähe

Die Tradwife-Accounts zeigen ein idealisiertes Bild der traditionellen Ehefrau und verknüpfen Alltagserzählungen mit konservativen Rollenbildern. Dabei streifen sie, teils kaum merklich, politische Milieus der Neuen Rechten. Der Begriff Tradwife stammt aus den USA und dockt dort an evangelikale Netzwerke und die Alternative Rechte an. In Deutschland wirkt vieles „importiert“, sagt Lühmann. „Die zugrundeliegende Idee ist zerstreut wiederzufinden in Netzwerken, die Schulkritik üben, bei Corona-Kritikern, Impfgegnern und Ernährungsratgebern.“ Die Szene sei ein Flickenteppich mittelgroßer Accounts mit Überschneidungen zur Mum-Blogging-Welt.

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Weibliche Radikalisierung in der Elternzeit

Lühmann nennt das, was sie beobachtet, „weibliche Radikalisierung“. Kein lärmender Aufmarsch, sondern ein leises, systematisches Verschieben von Positionen – auch bei Frauen, die sich als feministisch begreifen. Als Katalysator sieht sie die Elternzeit. „Wer mit dem Kleinkind zu Hause sitzt, und das sind in Deutschland nun mal in der Hauptsache die Frauen, verlässt die öffentliche Sphäre.“ In diesem Vakuum werde das Smartphone zum wichtigsten Fenster zur Welt: von Nachrichten bis Kochrezept, von Einschlaftipp bis selbst gemachter Salbe. Schaut man tiefer, zeigen sich schnell Verbindungen zur Neuen Rechten.

Der Algorithmus als Brücke

Doch was ist verkehrt daran, ein traditionelles Rollenbild zu leben? „Gar nichts“, stellt Lühmann klar. „Es geht einzig und allein um die politisch-ideologische Aufladung der Inhalte.“ Schule, Medienerziehung, Genderfragen – Tradwife-Inhalte bündeln Kulturkampffelder im Mantel des Alltags. Der Algorithmus der sozialen Medien liefert die Brücke: Wer für Rezepte kommt, findet Ratgeber zur „natürlichen“ Erziehung, stößt auf Warnungen vor Kitas, liest weiter über Impfen und landet bei Reichsbürgerthemen oder neuer germanischer Medizin.

Echte Probleme als Sogwirkung

„Die Elternzeit ist ein Einfallstor für irrationale Inhalte, weil sie isoliert“, meint Lühmann aus eigener Erfahrung. „Man verabschiedet sich aus Büro, Öffentlichkeit, Medien und füllt die Lücke mit vermeintlicher Nähe im Internet.“ Doch das sei eine echte „Entheimatungsmaschine“. Dort warte eine Ideologie, die Sorgearbeit scheinbar aufwerte, bisweilen sakralisiere – verbunden mit dem Anspruch, die Frau möge sich dem Mann unterordnen. Nicht selten sagt eine Tradwife: „Bei uns hat der Mann das letzte Wort.“ Der Mann wird indes in den Videos häufig zur Randfigur, zum abwesenden Geldverdiener stilisiert.

Die Sogwirkung ergebe sich aus echten Problemen: fehlende Kitas, mangelnde Infrastruktur, fehlende Gemeinschaft, vor allem für Frauen in ländlichen Räumen. „Als Frau wird man zerrieben von den gesellschaftlichen Erwartungen, den eigenen Karrierewünschen und den Rollen, die man als Mutter, Ehefrau, Vorgesetzte erfüllen soll.“

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Der ambivalente Titel „Heimat“

Im Buch „Heimat“ erlebt die Protagonistin Jana genau das: Sie zieht mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in eine fast dystopisch wirkende Neubausiedlung im Berliner Speckgürtel. Dort fühlt sie sich isoliert und überfordert. Sie trifft auf Karolin, fünffache Mutter, die ihr Leben als perfekte, hingebungsvolle Hausfrau im Griff zu haben scheint und das Ideal der Tradwife verkörpert. Den Titel „Heimat“ wählten Lühmann und ihre Lektorin bewusst. „Er ist mindestens ebenso ambivalent wie das Thema selbst“, erklärt Lühmann. Der Titel schillere, sei ideologisch aufgeladen, und gleichzeitig bezeichne er, „was wir alle suchen und haben“.