„Du hast keinen Raum dafür, unperfekt zu sein“: Shirin Davids innere Zerrissenheit
Shirin David zählt zu den erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart. Mit sieben Nummer-eins-Hits, Millionen von Followern auf Instagram und regelmäßigen Chartplatzierungen bei Spotify hat sie die Spitze der Musikbranche erreicht. Doch hinter der glänzenden Fassade verbirgt sich ein ständiger Kampf, wie die neue Netflix-Dokumentation „Barbara - Becoming Shirin David“ eindrücklich zeigt.
Vom Bühnenrausch zur Bühnenangst
Früher, so erzählt die Sängerin in der Doku, habe sie die Bühne immer als ihr Zuhause empfunden. Das Lampenfieber sei stets mit einem Gefühl von Glück und Geborgenheit verbunden gewesen. Heute jedoch überkomme sie vor Auftritten eine tiefe Angst. „Es ist so, als wären meine Knie Pudding“, beschreibt David dieses neue, beunruhigende Gefühl während einer Bühnenprobe. Diese Veränderung wirft Fragen auf, denen der Film von Regisseur Michael Schmitt nachgeht.
Die zwei Gesichter einer Künstlerin
Die Dokumentation enthüllt den fundamentalen Zwiespalt in Shirin Davids Leben. Auf der einen Seite steht die öffentliche Person Shirin – makellos, erfolgreich, kontrolliert. Auf der anderen Seite existiert Barbara Shirin Davidavicius, die private Person, die sie selbst als ihr „innerstes Ich“ bezeichnet. Der Film zeigt, wie David verzweifelt versucht, diese beiden Identitäten unter einen Hut zu bringen.
„Ich habe wirklich gar keinen Blick für mich selbst privat, ich habe nur den Blick auf die perfekte Shirin“, gesteht die Künstlerin an einer Stelle. Sie verfüge über eine klare Vision ihrer öffentlichen Person, lasse dieser aber kaum Raum für Fehler. „Der Preis für dieses öffentliche Leben ist, dass du keinen Raum dafür hast, unperfekt zu sein“, erklärt sie mit bemerkenswerter Offenheit.
Ein Leben im Rampenlicht
Die Erfolgsbilanz der 30-Jährigen ist beeindruckend: Neben ihren sieben Nummer-eins-Hits – darunter der offizielle Sommerhit 2024 „Bauch Beine Po“ – vermarktet sie eine eigene Eistee-Marke und Beauty-Produkte. Als Coach bei „The Voice of Germany“ und mit zwei gewonnenen Bambis hat sie sich in der Unterhaltungsbranche etabliert. Rund 6,5 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, bei Spotify wird sie monatlich von etwa 2,4 Millionen Hörern gestreamt.
Die Schattenseiten des Erfolgs
Doch der Film zeigt auch die Kehrseite des Ruhms. David ringt nicht nur mit ihrem nahezu nichtexistenten Privatleben („Ich habe kein Privatleben“), sondern auch mit dem immensen Druck der Musikindustrie und dem Perfektionsanspruch, den sie an sich selbst stellt. Oft scheint sie ihren eigenen Erfolg nicht richtig genießen zu können.
Besonders belastend sind für die Sängerin die Hasskommentare in sozialen Medien. Sie berichtet von Mobbing im Internet, das sie in ihren Mittzwanzigern zwei Jahre lang praktisch zum Rückzug aus der Öffentlichkeit zwang. „Jeder Dreh war für mich eine Qual. Jedes Mal vor die Tür zu gehen, war für mich eine Qual, weil ich immer das Gefühl hatte, dass ich mich für mich schämen musste. Und das hat das Internet geschafft“, gesteht David. Ihre ernüchternde Erkenntnis: „Man kann gegen das Internet nicht gewinnen.“
Die Wurzeln der Künstlerin
Die Dokumentation begleitet David nicht nur während der Vorbereitungen zu ihrer Arenatour „Schlau aber Blond“ 2025, sondern folgt ihr auch in das Haus ihrer Mutter in Litauen. Dort spricht sie mal Deutsch, mal Litauisch mit ihrer aus Litauen stammenden Mutter Erika. „Ich fühle mich, als wäre ich in Litauen immer ich“, sagt die Sängerin über diese Rückzugsorte.
Ihre Kindheit in Hamburg war von klassischer Musik geprägt – David lernte Oboe und Geige spielen und tanzte Ballett. In der Schule jedoch fühlte sie sich als Außenseiterin und fragte sich ständig, „was nicht mit mir stimmt“. Mit 19 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes YouTube-Video und startete später eine Rap-Karriere, die sie zu einer der bekanntesten Influencerinnen und schließlich zu einem der größten weiblichen Superstars Deutschlands machte.
Ein Balanceakt ohne Ende
Das Leben der Künstlerin wirkt wie ein permanenter Balanceakt, bei dem oft die öffentliche Person Shirin die Oberhand behält. In der Doku reflektiert David dies kritisch und stellt sich die existenzielle Frage: „Wie lange will ich das überhaupt noch so durchziehen, ohne wirklich eine private Freundschaft zu haben?“
Ihre Mutter beobachtet besorgt: „Sie kontrolliert sich als Shirin, dadurch ist die Leichtigkeit weg.“ Auch Manager Taban Jafari und Schwester Patricia kommen in den rund 90 Minuten Film zu Wort und zeichnen ein vielschichtiges Porträt der Künstlerin.
Die Erkenntnis am Ende
Trotz aller Herausforderungen und Schattenseiten des Ruhms bleibt eine wichtige Einsicht: Hinter der Kunstfigur Shirin David steht immer noch Barbara. Auf beide Identitäten sei sie stolz, betont die Sängerin. Und sie fügt eine entscheidende Erkenntnis hinzu: „Ohne Barbara gibt es keine Shirin.“
Die Netflix-Dokumentation „Barbara - Becoming Shirin David“ bietet somit nicht nur einen intimen Einblick in das Leben einer der erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen, sondern thematisiert auch universelle Fragen nach Identität, Erfolg und den Preis der Öffentlichkeit in einer digitalisierten Welt.



