„In diesem Nichts, einer wunderbar weltfernen Landschaft, die allerneueste und zeitgenössische Musik dargeboten zu bekommen, das ist ein Flash und sehr geil fürs Gehirn“, schrieb vor einigen Jahren eine überregionale Wochenzeitung über das Ensemble Quillo. Nun kann man über Nichts und weltfern sicherlich streiten, doch das Angebot abseits der großen Bühnen ist außergewöhnlich. Denn dort, wo die Uckermark ihre stille Größe entfaltet, liegt seit fast 22 Jahren ein Ort, der sich dem Gewöhnlichen konsequent entzieht: der Hof Quillo in Falkenhagen.
Längst ist der ehemalige Vierseithof mehr als nur ein kultureller Geheimtipp: Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein lebendiger Ankerpunkt für Gegenwartskunst im ländlichen Brandenburg. Auch im Mai öffnet sich dieser besondere Kosmos für drei Veranstaltungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch eines eint: der Anspruch, Kunst und Begegnung als unmittelbare Erfahrung zu begreifen.
Qino im ehemaligen Pferdestall
Den Auftakt bildet am 8. Mai der allmonatliche „Qino“-Freitag – ein Kinoabend mit eigenwilligem Charme im ehemaligen Pferdestall. Gezeigt wird diesmal die internationale Koproduktion „Ein kleines Stück vom Kuchen“, eine ebenso feinsinnige wie lebenskluge Komödie über die 70-jährige Mahin, die in Teheran den Mut fasst, ihrem Alltag eine neue Wendung zu geben. Dazu gibt es Popcorn, Getränke und die unverwechselbare Atmosphäre eines Ortes, der Kino zum Ereignis macht.
Vom Hörspiel auf die Bühne geholt
Am 9. Mai wird der Hof zur Bühne für intensives Schauspiel: „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann, inszeniert von theater.land. Das Stück, ursprünglich als Hörspiel 1953 entstanden, entfaltet auch heute eine beklemmende Aktualität. Im Zentrum steht der junge Matrose Axel Grove, der auf einem Schiff anheuert – und dort seinem Vater begegnet. Zwischen moralischer Verrohung, verdrängter Vergangenheit und einer folgenschweren Entscheidung entspinnt sich in der Inszenierung von Wolfram Scheller ein Drama über Schuld, Hoffnung und die Narben der Geschichte.
An 100. Geburtstage von Komponisten erinnert
Am 23. Mai schließlich richtet sich der Blick nach vorn – und zugleich zurück. Das Ensemble Quillo würdigt in seinem ersten Konzert der diesjährigen „Reihe Neue Musik“ unter dem Titel „Einhundert.“ die 100. Geburtstage zweier prägender Komponisten des 20. Jahrhunderts: Hans Werner Henze und Morton Feldman. Zwischen radikaler Stille und expressiver Geste entfaltet sich ein Klangraum, erweitert durch Werke von Komponisten wie Djordje Marković, Adrien Trybucki, Guillaume Connesson und Daniel Göritz. In wechselnden Besetzungen treten die Musikerinnen und Musiker des Ensembles Quillo in Dialog mit den Kompositionen – und mit dem Publikum. Ein Abend, der nicht nur hört, sondern auch fragt, denkt, weiterklingt. Im Anschluss lädt der Hof zum Gespräch und zum Verweilen.
Zeitgenössische Musik raus aus dem Elfenbeinturm
Seit seiner Gründung im Jahr 2004 hat sich das Ensemble Quillo der Aufgabe verschrieben, zeitgenössische Musik aus ihrem vermeintlichen Elfenbeinturm zu holen und in neue Kontexte zu stellen. Heute umfasst das Ensemble zwölf Musikerinnen und Musiker, die mit wechselnden Formaten und ungewöhnlichen Aufführungsorten immer wieder neue Zugänge eröffnen.
Wer sich auf den Weg nach Falkenhagen macht, betritt keinen klassischen Kulturraum, sondern einen, der sich erst im Erleben erschließt. Geil fürs Gehirn. In diesem Monat gleich dreimal.



