Berlinale-Eröffnung mit politischem Akzent: Wim Wenders über die Kraft des Films
Die Berlinale eröffnete mit einem deutlichen politischen Statement. Bereits in den ersten Minuten des Festivals wurde klar: Das Kino versteht sich hier als Gegenpol zur Tagespolitik. Jurypräsident Wim Wenders, der von Festivalchefin Tricia Tuttle scherzhaft als "Mr. President" vorgestellt wurde, erläuterte in Berlin, warum Filme in schwierigen Zeiten eine besondere Rolle spielen.
Kino verändert nicht Politiker, sondern Menschen
Der 80-jährige Regisseur, bekannt für Werke wie "Paris, Texas" und "Perfect Days", betonte, dass kein Film jemals direkt die Ideen eines Politikers verändert habe. "Aber wir können verändern, welche Vorstellungen Menschen davon haben, wie sie leben sollten", erklärte Wenders. Für ihn stellt das Kino ein essenzielles Gegengewicht zur Politik dar. Filmschaffende müssten sich aus der politischen Arena heraushalten und stattdessen die Arbeit der Menschen machen – nicht die der Politiker.
Diese Positionierung erfolgte als Antwort auf eine Frage zur Haltung der Jury im Nahostkonflikt, bei der Tuttle diplomatisch einlenkte und betonte, man wolle primär über Filme sprechen. Wenders vertiefte seinen Standpunkt: "Wenn man Nachrichten sieht, versteht man noch nichts. Aber man weiß so viel mehr, wenn man aus dem Kino kommt und eine Person in ihrer Situation sieht, ihr Leiden erlebt und erkennt, wie sie lieber leben möchte."
Eröffnungsfilm "No Good Men": Afghanische Realitäten
Die Berlinale setzte gleich zur Eröffnung auf ein politisches Drama. "No Good Men" von Regisseurin Shahrbanoo Sadat erzählt die Geschichte einer Kamerafrau in Kabul, die überzeugt ist, dass es in Afghanistan keine guten Männer gibt. Kurz vor der Rückkehr der Taliban nähert sie sich jedoch einem Kollegen während eines Reportereinsatzes an.
Sadats persönliche Geschichte gibt dem Film zusätzliches Gewicht. Die 35-jährige Regisseurin wurde 2021 aus Afghanistan evakuiert, kam über Frankreich nach Deutschland und lebt heute in Hamburg. "Ich habe 72 Stunden am Flughafen ausgeharrt, zusammen mit Tausenden Menschen", berichtete sie der Deutschen Presse-Agentur. Durch ihre Kontakte in die Filmbranche gelang ihr schließlich die Flucht mit Angehörigen.
Ihr Film thematisiert die patriarchalen Strukturen in Afghanistan. "Jetzt mit den Taliban ist es natürlich noch schlimmer. Aber auch vorher war es nicht ideal", erklärte Sadat. Männer hätten Frauen oft abgesprochen, welche schwierigen Erfahrungen diese bereits vor der Taliban-Herrschaft gemacht hätten.
Produktion unter besonderen Umständen
Die Dreharbeiten fanden unter ungewöhnlichen Bedingungen statt. Da eine Darstellerin absagte, übernahm Sadat kurzerhand selbst die Hauptrolle – eine Erfahrung, die ihr zunächst mehr Angst machte als die bedrohliche Situation am Kabuler Flughafen 2021. Gedreht wurde in Deutschland, unter anderem auf dem Gelände des Bundesarchivs in Hoppegarten bei Berlin, wo früher die Chiffrierabteilung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit saß. Archivaufnahmen aus Afghanistan ergänzten die Produktion.
Festival ohne Hollywood-Glanz, aber mit Substanz
Die Berlinale setzte zum Auftakt bewusst auf eine junge Regisseurin statt auf Hollywoodstars. Dennoch wurden prominente Gäste erwartet, darunter Schauspielerin Michelle Yeoh, die in diesem Jahr mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet wird. Auf der Gästeliste standen außerdem Iris Berben, Daniel Brühl, Matthias Schweighöfer, Jella Haase und Neil Patrick Harris.
Während des bis zum 22. Februar laufenden Festivals werden weitere prominente Besucher erwartet, darunter Pamela Anderson, Schauspieler Ethan Hawke und die britische Musikerin Charli XCX. Die Anreise der Gäste sollte trotz des Lufthansa-Streiks weitgehend problemlos verlaufen, wie eine Festivalsprecherin bestätigte.
Wim Wenders fasste die Mission des Festivals zusammen: "Das Kino hat die unglaubliche Kraft, Mitgefühl und Empathie zu wecken. Die Nachrichten sind nicht empathisch. Die Politik ist nicht empathisch, aber Filme sind es. Und das ist unsere Pflicht." In einer Zeit, in der politische Konflikte die Nachrichten dominieren, positioniert sich die Berlinale damit als Raum für menschliche Geschichten und emotionale Verständigung.



