Literaturfestival Lit.Cologne: Julian Barnes mit eindringlicher Abschiedsrede
Der britische Schriftsteller Julian Barnes hat die diesjährige Lit.Cologne in Köln feierlich eröffnet und zugleich ein emotionales Abschiedswort an sein Publikum gerichtet. In seiner bewegenden Rede zog der 80-jährige Autor eine düstere Parallele zwischen der Gegenwart und George Orwells berühmtem Roman „1984“.
Orwells dystopische Vision sei heute Wirklichkeit
Barnes betonte, dass die pessimistische Zukunftsvision aus Orwells Werk keine reine Fiktion mehr darstelle. „Im Jahr 1984 selbst sagten noch alle, dass es zum Glück nicht so gekommen sei, wie Orwell es 1948 entworfen hatte. Heute jedoch ist seine Dystopie Realität“, erklärte der Autor während der Eröffnungsveranstaltung. Er beschrieb eine Welt, die von drei paranoiden und tyrannischen Machtblöcken dominiert werde: China, Russland und Amerika.
Angesichts dieser globalen Lage unterstrich Barnes, ein bekennender Brexit-Gegner, die immense Bedeutung eines starken und geeinten Europas. „Es ist umso entscheidender, dass Europa überlebt, stabil bleibt und nicht auseinanderbricht“, appellierte er mit Blick auf die Europäische Union.
Kritik an globalen Politikern und persönliche Abschiedsstimmung
Gemeinsam mit dem ehemaligen Vizekanzler Robert Habeck diskutierte Barnes auf der Bühne die aktuellen politischen Verwerfungen. Er charakterisierte die Lage Europas als eingeklemmt zwischen Putin auf der einen Seite und dem „verrückten orangenen Mann“ auf der anderen. Über Donald Trump äußerte er sich besonders scharf: „Gab es jemals einen Politiker, der so ignorant ist und die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs besitzt?“ Barnes ging sogar so weit, eine mögliche Festnahme durch die US-Behörden bei seiner nächsten Einreise zu erwarten.
Der Autor, der an Krebs erkrankt ist, las aus seinem neuen Werk „Abschied(e)“ vor, das er als sein letztes Buch bezeichnete. Die Veranstaltung endete mit bewegenden Standing Ovations, mit denen das Publikum den Schriftsteller würdig verabschiedete. Diese Lit.Cologne markiert somit nicht nur den Beginn des Festivals, sondern auch den Abschied eines großen literarischen Geistes von der Bühne.



