Gianrico Carofiglio: Psychoanalyse für den Anwalt Guido Guerrieri
Der italienische Bestsellerautor Gianrico Carofiglio hat mit seinem neuen Werk „Der Horizont der Nacht“ erneut bewiesen, dass er zu den herausragenden Stimmen der europäischen Kriminalliteratur zählt. Der 64-jährige Schriftsteller, der einst als Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt tätig war, wagte vor seinem 40. Geburtstag den Sprung in die Literatur – eine folgenreiche Entscheidung, die ihn zu einem der erfolgreichsten Autoren Italiens machte.
Psychologische Tiefenbohrung statt reiner Spannung
Bei Carofiglio steht nicht die handlungsgetriebene Spannung im Vordergrund, sondern die psychologische Durchdringung seiner Figuren. Der Plot dient ihm als Mittel, um seiner wahren Leidenschaft nachzugehen: der Erkundung menschlicher Abgründe und innerer Konflikte. In seinem neuesten Roman begibt sich seine Kultfigur, der Bareser Anwalt Guido Guerrieri, sogar auf die Couch eines Psychoanalytikers.
Der 57-jährige Guerrieri befindet sich in einer existenziellen Krise. Er hat sich weder mit seinem Alter abgefunden noch kann er seine Stimmungsschwankungen und Angstanfälle erklären. Die Trennung von seiner letzten Freundin, die ihn für eine andere Frau verließ, stellt eine tiefe Kränkung dar. Als er zufällig mit zwei Jurastudentinnen ins Gespräch kommt, wird ihm schockartig bewusst, dass er wahrscheinlich älter ist als deren Eltern. Guerrieri erlebt „das Dasein in einem Zustand der Gefühlsnarkose“ – selbst der Boxsack in seiner einsamen Wohnung, mit dem er nicht nur trainiert, sondern auch spricht, bietet keine gewohnte Entspannung mehr.
Parallelwelten: Mordfall und Selbstanalyse
Parallel zu Guerrieris persönlicher Krise entwickelt sich ein scheinbar simpler Rechtsfall: Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen. Sie ist überzeugt, dass der gewalttätige Petacci für Elenas Selbstmord verantwortlich ist. Als Petacci Elenas Wohnung, die nun Elvira als Alleinerbin zusteht, nicht räumen wollte, suchte sie ihn mit der Pistole ihres verstorbenen Vaters zum „Klärungsgespräch“ auf.
Die juristische Frage lautet: Handelte es sich um Mord oder Notwehr? Während Vorsatz eine lebenslange Haftstrafe bedeuten würde, könnte eine Bedrohungssituation durch Petacci die Tat rechtfertigen. Carofiglio erzählt akribisch die Vorbereitungen auf den Prozess und kontrastiert sie mit den langen Gesprächen zwischen Guerrieri und seinem Psychologen, einem Anhänger C. G. Jungs – wie der Autor selbst.
Literatur als Form der Psychoanalyse
„Meiner Meinung nach ist dies die literarischste Form der Psychoanalyse“, erklärte Carofiglio in einem Interview. Tatsächlich sind die Ermittlungen des Anwalts in eigener Sache oft spannender als seine Arbeit im Fall Elvira. Während in vielen deutschen TV-Krimis Gossensprache zum Standard wird, bietet Carofiglio anspruchsvolle Dialoge über Jung, Nietzsche, Goethe, Thomas Mann und das Wesen der Erinnerung.
Der Psychoanalytiker im Roman erklärt: „Wir konstruieren Geschichten, um Sinn zu erschaffen, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Genau genommen sind Geschichten alles, was wir haben.“ Hier spricht eindeutig der Autor selbst, der in seinem eleganten und kunstvollen Werk die Grenzen zwischen Fiktion und psychologischer Wahrheit verschwimmen lässt.
Ein Roman voller Weisheiten
Carofiglio lässt Guerrieri darüber reflektieren, warum aus ihm kein Schriftsteller, aber ein begeisterter Leser geworden ist: „Ich glaube der Grund ist, dass ich mich den Ansichten des Autors hingeben kann, den ich gerade lese.“ Bei Carofiglio tut man dies besonders gern, denn selten findet man einen Krimi, in dem man sich Dutzende Sätze und Weisheiten unterstreichen möchte.
Ein bemerkenswertes Beispiel: „Kategorische Aussagen sind ein Symptom der Mittelmäßigkeit.“ Solche Einsichten machen „Der Horizont der Nacht“ zu mehr als einem Kriminalroman – es ist eine philosophische Reise in die menschliche Psyche.
Gianrico Carofiglio stellt sein Werk am 16. März 2026 um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Lehmkuhl in München vor. Der Roman erscheint im Folio Verlag, umfasst 272 Seiten und kostet 25 Euro.



