Cees Nooteboom: Der reisende Poet Europas ist im Alter von 92 Jahren verstorben
Cees Nooteboom: Der reisende Poet Europas ist tot

Cees Nooteboom: Der reisende Poet Europas ist im Alter von 92 Jahren verstorben

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom, dessen umfangreiches Werk tief in seinen Reisen verwurzelt war, ist im Alter von 92 Jahren auf der spanischen Insel Menorca gestorben. Nooteboom, der oft als Chronist Europas bezeichnet wurde, hinterlässt ein literarisches Vermächtnis, das Romane, Gedichte, Essays und Reisebücher umfasst. Seine Wahlheimat Menorca wurde für ihn zu einem Rückzugsort, von dem aus er die Welt betrachtete und beschrieb.

Reisen als Grundlage des Schreibens

Immer wieder wurde Cees Nooteboom gefragt, warum er so viel reise. Seine Antwort war stets klar: „Auf Reisen lernt ein Mensch sich selbst kennen“, zitierte er einen arabischen Philosophen. Doch für Nooteboom waren Reisen mehr als nur Selbstfindung; sie wurden zur Schreibschule und zur Inspirationsquelle. Bereits nach dem Gymnasium begann er, die Welt zu erkunden, und entschied als junger Mann nach seinem romantischen Debütroman „Philip und die anderen“ aus dem Jahr 1955, dass „die übertriebene Lyrik“ aus seinen Werken verschwinden müsse. „Um schreiben zu können, ist eine gewisse connaissance du monde nötig. Darum bin ich auf Reisen gegangen“, erklärte er.

Augenzeuge historischer Ereignisse

Im Auftrag niederländischer Zeitungen bereiste Nooteboom Europa und wurde zum Augenzeugen bedeutender historischer Momente. 1956 erlebte er in Budapest den russischen Einmarsch, 1968 berichtete er von der Studentenrevolte in Paris, und 1963 kam er erstmals nach Berlin. Fast zufällig wurde er 1989 in Berlin Zeuge des Mauerfalls, ein Ereignis, das er in seinen „Berliner Notizen“ einfing. Diese Beobachtungen aus der Stadt, in der er zwischen 1989 und 2009 immer wieder lebte, zeigen, wie Geschichte und Gegenwart in seinem Werk verschmolzen.

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Ein Bildhauer der Sprache

In über 60 Jahren veröffentlichte Nooteboom mehr als 60 Werke, darunter Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Obwohl er international geehrt und ausgezeichnet wurde, gestand er, dass ihm das Schreiben schwerfiel. Er rang mit jedem Wort und ziselierte seine Sätze wie ein Bildhauer, der mit einem feinen Messer ein Porträt aus einem Stein schnitzt. Sein internationaler Durchbruch als Romancier gelang ihm 1980 mit „Rituale“, einer tragisch-komischen Geschichte, die Themen wie Existenz, Zeit und Erinnerung behandelt. Spätere Werke wie „Die folgende Geschichte“ (1991) und „Allerseelen“ (1998) festigten seinen Ruf als großen Erzähler.

Heimat in der Sprache

Trotz seiner vielen Reisen und Aufenthalte in verschiedenen Ländern blieb Nootebooms Heimat die niederländische Sprache. Obwohl er mehrere Sprachen sprach, betonte er, dass er nur auf Niederländisch Bücher schreiben könne. „Ich komme nie raus, es sei denn, durch eine gute Übersetzung“, sagte er einmal. Mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, lebte er abwechselnd in Amsterdam und auf Menorca, wo Leser sein Haus und Garten aus seinen Werken kennenlernten. Für den reisenden Poeten war Heimat weniger ein Ort als vielmehr die Sprache, die ihm als Gefängnis und zugleich als Befreiung diente.

Cees Nootebooms Tod markiert das Ende einer Ära in der europäischen Literatur. Sein Werk, geprägt von tiefgründigen Beobachtungen und sprachlicher Präzision, wird weiterhin Leser auf der ganzen Welt inspirieren und zum Nachdenken anregen. Als Chronist Europas hinterlässt er ein unvergleichliches literarisches Erbe, das die Komplexität der menschlichen Existenz in einer sich ständig verändernden Welt einfängt.

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