Hemingways dunkelstes Geheimnis: Der tragische Tod hinter der Cortina-Erzählung
Hemingways dunkelstes Geheimnis in Cortina d'Ampezzo

Hemingways dunkelstes Geheimnis: Die unerzählte Tragödie hinter der Cortina-Erzählung

Im Dezember 1922 machte sich Elizabeth Hadley Richardson, die erste Ehefrau von Ernest Hemingway, in Paris auf den Weg in die Schweiz. Sie wollte ihren Ehemann in Lausanne treffen, wo er als Korrespondent für den Toronto Star arbeitete. In ihrem Gepäck befand sich ein Koffer mit fast allen Manuskripten, Abschriften und Durchschlägen, an denen Hemingway drei Jahre lang gearbeitet hatte. Warum Hadley diese wertvollen Papiere mitführte, bleibt bis heute rätselhaft. Hemingway selbst schrieb später, sie habe ihn überraschen und ihm ermöglichen wollen, auch in den Schweizer Bergen an seiner schriftstellerischen Karriere zu arbeiten.

Der unwiederbringliche Verlust

Doch noch bevor Hadley den Pariser Bahnhof Gare de Lyon verlassen konnte, wurde ihr der Koffer gestohlen. Damit waren Hemingways frühe literarische Werke für immer verloren. Der Schriftsteller gab später zu Protokoll, er habe geglaubt, nie wieder schreiben zu können. Doch bereits vier Monate später fand er zurück zur Feder – nicht in der Schweiz, sondern in den italienischen Bergen von Cortina d'Ampezzo.

Dieser Ort, der 1956 und erneut in diesem Jahr Austragungsort der Olympischen Winterspiele war, wurde zur Kulisse für Hemingways erste bedeutende Erzählung nach dem traumatischen Verlust. Hier hämmerte er ohne Punkt und Komma die Geschichte „Schonzeit“ in die Schreibmaschine.

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Die Erzählung „Schonzeit“

Obwohl die Hemingways begeisterte Skifahrer waren, handelt die Erzählung von etwas ganz anderem. Sie beginnt mit Peduzzi, einem alternden Tagelöhner, der sein beim morgendlichen Gärtnern in einer Hotelanlage verdientes Geld bereits in Alkohol angelegt hat. Seine Verständigung mit dem amerikanischen Ehepaar, dem er bei einem Angelausflug als örtlicher Führer dienen soll, gestaltet sich entsprechend schwierig.

Zwischen Tirolerisch und Italienisch radebrechend, nennt er die junge Dame mal Signora, mal Signorina. Das amerikanische Paar, das sich am Morgen gestritten hat, findet alles, was der vecchio von sich gibt, „mysteriös“. Mehr als einmal fordert der Mann seine Frau auf, ins Hotel zurückzugehen, was sie schließlich auch tut.

Das Eisbergmodell in Aktion

Die Cortina-Erzählung gilt als erste, bei der Hemingway konsequent seinem später so berühmt gewordenen „Eisbergmodell“ folgte. „Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet“, schrieb der Schriftsteller später. Genauso sollte auch der Autor große Teile seiner Geschichte vor dem Leser verbergen – nur die Spitze des Eisbergs sollte sichtbar sein.

In „Schonzeit“ wird dieses Prinzip meisterhaft umgesetzt. Die Fische haben, wie der Titel verrät, Schonzeit, weshalb der Angelausflug letztlich ergebnislos endet, als den beiden Männern das Angelblei fehlt. Ob am nächsten Tag ein erneuter Versuch unternommen werden soll, bleibt unklar. Für Peduzzi will der Amerikaner eine Nachricht beim padrone des Hotels hinterlassen.

Das verborgene Grauen

Was Hemingway in seiner Erzählung bewusst aussparte, offenbarte er 1925 seinem Schriftstellerkollegen F. Scott Fitzgerald: Der Autor habe sich tatsächlich über den betrunkenen Touristenführer beim Hotelbesitzer beschwert. Das reale Vorbild für die Figur des Peduzzi wurde daraufhin gefeuert – und erhängte sich kurz danach.

Dieses grausame Detail, das dunkle Geheimnis hinter der scheinbar harmlosen Angelgeschichte, verbarg Hemingway bewusst vor seinen Lesern. Erst durch seine spätere Offenbarung gegenüber Fitzgerald wurde die ganze Tragödie hinter der Cortina-Erzählung bekannt.

Die Erzählung „Schonzeit“ markiert nicht nur Hemingways Rückkehr zum Schreiben nach dem Verlust seiner Manuskripte, sondern auch den Beginn seiner charakteristischen Erzähltechnik. In den italienischen Alpen verarbeitete der Schriftsteller nicht nur seinen persönlichen Verlust, sondern schuf gleichzeitig eine literarische Form, die Generationen von Autoren beeinflussen sollte.

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