Bestsellerautorin Meike Winnemuth: Lesen macht glücklicher als Netflix
Meike Winnemuth: Lesen macht glücklicher als Netflix

Bestsellerautorin Meike Winnemuth: „Lesen macht glücklicher als Netflix“

Die renommierte Journalistin und Buchautorin Meike Winnemuth (66) kehrt mit einem neuen literarischen Werk zurück. Nach erfolgreichen Büchern über Reisen und Gärtnern widmet sie sich nun ihrer dritten großen Leidenschaft – dem Lesen. Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „Eine Seite noch. Warum Lesen uns so glücklich macht“ und ist eine tiefgründige Hommage an die Welt der Literatur.

Ein literarischer Selbstversuch

Für ihr neuestes Projekt unternahm Winnemuth einen intensiven Lese-Sommer. Sie verschlang alles, was ihr in die Hände fiel: von den philosophischen Schriften Senecas über die epischen Werke Tolstois, von der Bibel bis zu Thomas Manns „Buddenbrooks“. Insgesamt waren es 50 Bücher in sechs Monaten, ergänzt durch 20 Hörbücher und zahlreiche Kurzgeschichten. Herausgekommen ist nicht nur eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort, sondern auch die feste Überzeugung: „Lesen macht so viel glücklicher als Netflix“.

Winnemuth ist bekannt für ihre außergewöhnlichen Selbstversuche. Bereits 2010 gewann sie in Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär“ stolze 500.000 Euro. Diesen Gewinn nutzte sie für ein einjähriges Reiseabenteuer rund um den Globus, bei dem sie in zwölf verschiedenen Städten lebte. Ihre Erfahrungen dokumentierte sie in ihrem Bestseller „Das große Los“.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Warum Lesen glücklich macht

Im Gespräch erklärt die Autorin ihre Faszination: „Lesen ist eine kleine Luxusauszeit vom Leben, in der man sich zurückziehen und egoistisch sein kann.“ Jeder Leser bringe eigene Erfahrungen, Erwartungen und Assoziationen mit, sodass es zu einem Buch zehntausend verschiedene Lesarten geben könne. „Das macht es wahnsinnig spannend“, so Winnemuth.

Sie vergleicht das Lesen mit dem Reisen: „Ich sammle Erlebnisse, Erfahrungen und Ausflüge, die ich im wahren Leben nicht machen könnte. Ich kann im Kopf eines Einwohners von Osttimor spazieren gehen oder in dem einer japanischen Hofdame aus dem Jahr 1000 nach Christus. Ich habe die tollsten Reisen gemacht, ohne einen Schritt vom Sessel wegzugehen.“

Bücher als Anker im Alltag

Für ihr Buch begab sich Winnemuth auch auf reale Reisen. Sie besuchte Virginia Woolfs Landhaus in Südengland, nahm an einer Tagung zum 150. Geburtstag von Thomas Mann teil und kehrte sogar in ihre alte Schulbücherei zurück. Ihre Erkenntnis: Bücher waren schon immer Zuflucht und Wegweiser.

„Bücher sind Anker und halten einen bei dem täglichen Nachrichtenwahnsinn bei Verstand“, betont die Autorin. In ihrer Lübecker Wohnung stehen rund 700 Bücher im Flur – beim Schuheanziehen auf der Bank greift sie immer mal wieder zu einem neuen Werk. Gelesene Exemplare verschenkt sie oder stellt sie in öffentliche Bücherschränke.

Die Balance zwischen Lesen und Entertainment

Kennt sie das Gefühl, dass das Lesen zwischen Serien und Smartphone-Nutzung untergeht? „Absolut“, gesteht Winnemuth. „Es gibt Abende, an denen man nur noch Netflix oder ‚Germany's Next Topmodel‘ ertragen kann und man so erledigt ist, dass man ein bisschen gnädige Berieselung braucht.“ Doch sie stellt klar: „Ich will das überhaupt nicht verdammen. In jedem Leben ist Platz für beides. Aber ich würde behaupten, Lesen macht glücklicher als Netflix.“

Ihre These stützt sie nicht auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auf persönliche Erfahrung: „Es ist einfach eine empirische Beobachtung an mir.“

Lesen ohne Zwang

Warum häufen Menschen so viele ungelesene Bücher an? Winnemuth vermutet: „Damit man jederzeit eine gut kuratierte Auswahl des besten Buchexperten hat – sich selbst. Das ist wie ein großes kaltes Buffet. Man weiß, man kann nicht alles essen, aber jedes einzelne davon ist bestimmt lecker.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die Autorin plädiert für einen entspannten Umgang mit Literatur: „Je älter ich werde, desto bockiger werde ich bei dem Wort ‚müssen‘. Man muss gar nichts. Man muss nichts gelesen haben, man darf Seiten überspringen. Lesen sollte Vergnügen bleiben, ohne Stress und Verpflichtungen.“ Auch dass man vieles vergisst, sei normal. „Ich glaube aus jedem Buch bleiben Schwebeteilchen übrig, die sich an irgendeine Hirnzelle andocken und ein Gefühl hinterlassen. Das reicht voll und ganz.“

Ihr „Wer wird Millionär“-Gewinn ist übrigens noch immer unangetastet und hat sich auf einem ETF-Konto vermehrt. Als nächstes steht Daniel Mellems „Einstein im Bade“ auf ihrer Leseliste – dann heißt es wieder: „Eine Seite noch …“