Menasses Novelle „Lebensentscheidung“: Ein europäisches Leben zwischen Brüssel und Wien
Dass seine neue Novelle ausgerechnet in Brüssel beginnt, ist bei Robert Menasse keineswegs zufällig. Der 1954 in Wien geborene Autor hat sich über die vergangenen Jahrzehnte hinweg zu einer Art „Mr. Europa“ entwickelt – nicht als Sonntagsredner, sondern als Romancier, Essayist und beharrlicher Kritiker des Nationalstaats. In „Die Lebensentscheidung“ kondensiert dieser große Europa-Stoff nun in eine kunstvoll gebaute Novelle.
Ein Beamter zieht die Reißleine
Menasses Protagonist Franz Fiala ist EU-Beamter in Brüssel mit einem Büro, zwei Fenstern, einem Ficus im Eck und einer Urkunde an der Wand. An einem Wintertag, während draußen Traktoren das Europaviertel lahmlegen und der Green Deal weichgespült wird, zieht Fiala die Reißleine: Er kündigt seinen Job bei der Kommission und kehrt nach Wien zurück.
Doch schnell merkt er, dass sich das Leben nicht so einfach per Formular in den vorgezogenen Ruhestand verabschieden lässt. Zwischen einer Beziehung in Brüssel, der klugen alten Freundin Feli und einer 89-jährigen Mutter, die ihn noch immer als ihr Bildungsversprechen betrachtet, gerät seine schöne Idee vom stressfreien zweiten Lebensabschnitt ins Rutschen. Nach seiner ersten bewussten „Lebensentscheidung“ steht er bald erneut an einer existentiellen Wegscheide.
Kein Held der großen Bühne
Fiala ist kein Held der großen Bühne, sondern ein kleinbürgerlicher Aufsteiger, dessen Lebensbilanz zwischen Schreibtisch in der Generaldirektion Umwelt, der kleinen Garçonnière in der Wiener Innenstadt und der übervollen Bücherwand der Mutter gezogen wird. „Fiala ist kein Held, er ist ein Mensch“, beschreibt Menasse seine Figur. „Weil bei ihm am Ende Empathie das naheliegende Selbstmitleid besiegt.“
Erzählt wird diese Geschichte mit feinem, oft trockenem Humor, mit liebevoll bösen Beobachtungen – vom EU-Fenster-Hierarchiesystem bis zur Wiener Würstel-mit-Saft-Trauerkultur – und mit Dialogen, in denen sich Figuren wie die bildungshungrige Mutter, Feli, Nathalie oder der rätselhafte Cousin Felix mit wenigen Strichen einprägen.
Politische Satire und existenzielle Fragen
Die politische Satire auf Protestbauern, populistische Medien und ängstliche Kommissionsspitzen bildet dabei nur die erste Oberfläche des Textes. Darunter liegen tiefgründige Fragen nach Herkunft, Loyalität und dem Preis eines überzeugten europäischen Lebens.
Etwa zur Hälfte vollzieht die Novelle eine markante Wendung: Auf die freiwillige Lebensentscheidung – den Abschied von Brüssel – folgt eine zweite, unerwartete Zäsur. Eine Veränderung, die Fialas Existenz radikaler erschüttert als die Kündigung.
Ein Wettlauf mit der Zeit
Von diesem Punkt an verschiebt sich die Erzählung vom politischen und beruflichen Neuanfang zu einem Wettlauf mit der Zeit: Kann man über sein Leben entscheiden – nicht über das Ende, aber über das Weiterleben, länger, als es die Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten vorsehen? Menasse inszeniert diesen Wettlauf als sehr privaten Konflikt zwischen Liebe, Verantwortung und Selbstbehauptung.
Gerade in dieser existenziellen Zuspitzung zeigt sich, wie eng Menasses literarisches Erzählen mit seiner europäischen Überzeugung verbunden bleibt. Nach Jahren in Brasilien kam er „als Europäer“ nach Wien zurück, sah die EU als historischen Geniestreich gegen den Nationalismus und hat in Büchern wie „Der Europäische Landbote“, „Die Hauptstadt“ (Deutscher Buchpreis 2017) und „Die Erweiterung“ (Europäischer Buchpreis 2023) den inneren Betrieb der Union so genau wie lustvoll seziert.
Die „Buddenbrook-Falle“ der EU
Menasse fürchtet dabei die von ihm so genannte „Buddenbrook-Falle“ – eine EU, die von der aufbauenden zur verwaltenden und schließlich zur zerstörerischen Generation durchgereicht wird – und schreibt gegen diese Entwicklung an. Am Ende gelingt ihm eine kompakte, kunstvoll gebaute Erzählung darüber, wie europäische Geschichte, politische Überzeugung und familiäre Bindungen in einem einzelnen Leben aufeinanderprallen.
Warum eine Novelle?
Aber warum eine Novelle, warum kein Roman? „Das ist ein geradezu klassischer Novellenstoff“, erklärt Menasse im Gespräch. Nach der Ausgangssituation werde versucht, diese zu ordnen, dann komme der Moment, der alles auf den Kopf stelle. „Ich habe daraufhin zwei Monate nichts geschrieben, nur klassische Novellen gelesen, um ein Gefühl für diese Form zu bekommen“, sagt Menasse. „Und dann war eine andere Form, Erzählung oder Roman, für mich völlig ausgeschlossen.“
Die Novelle zeigt eindrucksvoll, wie wenig planbar der Moment ist, in dem eine Entscheidung wirklich zur Lebensentscheidung wird – und wie europäische Politik und persönliche Existenz untrennbar miteinander verwoben sind.



