Neubrandenburger Hochhaus wird literarischer Schauplatz: Roman über Pianistin Christina
Das Scheibenhochhaus in der Neubrandenburger Waagestraße, das gegenwärtig aus dem Stadtbild verschwindet, dient als zentraler Schauplatz des berührenden Romans Wer möchte nicht im Leben bleiben von Helene Bukowski. Die Autorin taucht tief in die Biografie der jungen Pianistin Christina ein, die sich 1985 im Alter von 24 Jahren aus genau diesem Hochhaus stürzte.
Persönliche Annäherung an eine tragische Geschichte
Helene Bukowski, geboren 1993, nähert sich der DDR-Vergangenheit als Nachwendekind mit großem Respekt und intensiver Recherche. Ja, das bin schon ich, wenn auch nicht alles, erklärt die Autorin im Gespräch. Das war wie ein Tauschhandel, dass ich, wenn ich Christinas echtes Leben erzähle, auch etwas von mir geben möchte. So ist es ein sehr persönliches Buch geworden.
Die Seelenverwandtschaft zwischen Autorin und Protagonistin ist spürbar: Beide begannen früh mit ihrer Kunst – Bukowski mit dem Schreiben, Christina mit dem Klavierspielen. Ich glaube, wenn man sich intensiv mit einer anderen Person auseinandersetzt, entsteht immer auch eine Art von Verwandtschaft, so die Autorin.
Intensive Recherche in Neubrandenburg
Für ihren dritten Roman recherchierte Bukowski akribisch in Neubrandenburg. Sie sichtete Dokumente im Stadtarchiv, sprach mit Zeitzeugen und besuchte das Scheibenhochhaus in der Waagestraße, wo sie mit ehemaligen Bewohnern sprach. Ich hatte großen Respekt davor, ob ich das überhaupt kann als Nachwendekind, gesteht die Autorin.
Der Auslöser für das Projekt war eine emotionale Begegnung mit dem Nachlass Christinas: Wenn ich mich nicht dieses Materials annehme, wird es weggeworfen – und so darf doch ein Leben nicht enden, erklärt Bukowski ihre Motivation.
Christinas Leben zwischen Kunst und Druck
Christinas Biografie war geprägt von frühem Klavierunterricht, der Spezialschule in Berlin, dem Konservatorium in Moskau und den hohen Erwartungen ihres Vaters. Es gab schon Leichtigkeit, betont Bukowski und verweist auf Konzerte in der Moskauer Botschaft, wo Christinas Musik die Menschen berührte.
Doch der Druck summierte sich: Als sie aus Moskau wiederkam, hatte sie kein soziales Umfeld, denn die Leute hier hatten natürlich ihr Leben weitergelebt, beschreibt die Autorin die isolierte Situation der jungen Pianistin. Körperliche Probleme, ein anhaltendes Fieber und eine mögliche unerkannte Krankheit kamen hinzu.
Literarische Annäherung an den Suizid
Der Romantitel Wer möchte nicht im Leben bleiben steht in tragischem Kontrast zu Christinas Entscheidung. Ich kann es nachvollziehen, sich so allein zu fühlen, sagt Bukowski, betont aber: Ganz wichtig ist mir, ihr Leben nicht nur auf diesen Suizid hin zu erzählen. Da ist auch ganz viel Schönes, ganz viel Zärtlichkeit.
DDR-Geschichte ohne Stasi-Stempel
Anders als viele DDR-Biografien behandelt Bukowski den Einfluss der Staatssicherheit zurückhaltend. DDR-Biografien immer diesen Stasi-Stempel aufzudrücken, schafft Einseitigkeit, erklärt sie. Das Leben war ja viel mehr, außer dass man bespitzelt wurde oder gespitzelt hat.
Ihre literarische Herangehensweise bietet mehrere Versionen der Wirklichkeit: Das war mir wichtig, weil es etwas Spielerisches ermöglicht. Man probiert etwas aus. Man kann auch Fehler machen.
Auszeichnung und Zukunft
Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, dessen Preisträger am 19. März bekanntgegeben werden. Natürlich freue ich mich wahnsinnig darüber, sagt Bukowski, sieht aber auch kritisch: Ein bisschen kritisch sehe ich, dass so ein Preis Bücher in eine Konkurrenzsituation steckt.
Die Autorin plant eine Lesung in Neubrandenburg, möglichst im Brigitte-Reimann-Haus. Der Abbau des Scheibenhochhauses findet sie traurig: Das finde ich traurig, weil solche Gebäude Teil der Geschichte sind. Aber vielleicht ist es ein Zeichen, genauer hinzusehen.
Die Autorin Helene Bukowski
Helene Bukowski, 1993 in Berlin geboren, gewann bereits mit 14 Jahren einen Schreibwettbewerb des Deutschen Guggenheim. Sie studierte am Literaturinstitut Hildesheim und veröffentlichte 2019 ihren Debütroman Milchzähne, der mehrfach ausgezeichnet und verfilmt wurde. 2022 folgte Die Kriegerin, im Februar 2026 nun Wer möchte nicht im Leben bleiben (Claassen Verlag, 384 Seiten, 24 Euro). Am 8. Mai liest die Autorin im Frau-Rilke-Buchladen in Neustrelitz.



