Peter Stamms neuer Erzählband: Neun Geschichten über Inszenierung und digitale Einsamkeit
Der renommierte Schweizer Autor Peter Stamm präsentiert mit seinem aktuellen Werk „Auf ganz dünnem Eis“ einen faszinierenden Erzählband, der neun frische Geschichten vereint. Der Band erscheint beim S. Fischer Verlag und umfasst 192 Seiten, die zum Preis von 24 Euro erhältlich sind. Stamm, der 1963 im thurgauischen Scherzingen geboren wurde und nach einer kaufmännischen Lehre selbst als Buchhalter arbeitete, beweist erneut seine meisterhafte Erzählkunst.
Die Kunst der präzisen Beobachtung
In der Eröffnungserzählung „Unglaublich und emotional und fantastisch“ widmet sich Stamm minutiös dem Auftritt von Susan Boyle bei „Britain’s Got Talent“ im Jahr 2009. Mit akribischer Genauigkeit beschreibt er jede Regung der Sängerin, des Publikums und der Jury, während Boyle „I Dreamed a Dream“ aus „Les Misérables“ vorträgt. Stamm enthüllt dabei die kalkulierte Emotionalität von Casting-Shows und zeigt durch eine Parallelhandlung mit Paul Potts' „Nessun dorma“-Auftritt von 2007, wie redundant vermeintlich echte Gefühlsausbrüche in diesem Format wirken.
„Nichts ist echt, alles soll aber echt wirken“, lautet eine der zentralen Erkenntnisse dieser Erzählung. Der Autor hat offenbar die Videoaufzeichnungen der Auftritte intensiv studiert, um diese faszinierende Studie über Inszenierung und Authentizität zu verfassen.
Verschwimmende Identitäten und digitale Distanz
In „Auf dünnem Eis I“ stürzt Stamm seine Leserschaft in gehörige Verwirrung, indem er bruchstückhaft von einer Schauspielerin erzählt, die in einer psychiatrischen Klinik Patientinnen für angehende Ärzte spielt. Die diversen Ebenen dieser Ich-Erzählung verschwimmen bewusst, während in „Auf dünnem Eis II“ die Fortsetzung dieser Geschichte zeigt, wie sich die Protagonistin mit einem Assistenzarzt annähert – hauptsächlich durch stundenlanges Hin- und Hersenden von Nachrichten auf Parkbänken.
Besonders deutlich wird Stamms Auseinandersetzung mit digitaler Kommunikation in der Erzählung „Mars“, in der der junge Laurin monatelang eine Marsmission im Keller simuliert und nur noch per Handy mit seinen Eltern kommuniziert. Der Vater reflektiert: „Seit er im Keller ist, sehe ich die Welt tatsächlich wie neu, als sähe ich sie durch seine Augen.“
Zwischenmenschliche Sehnsüchte und berufliche Rollen
In „Lieke schreibt…“ jobbt ein Schweizer Skilehrer in einer Skihalle im Ruhrgebiet und zeigt sich zunächst abweisend, als eine ältere holländische Skischülerin mit ihm flirtet. Doch die Nachricht „Lieke schreibt…“ auf seinem Handy-Display lässt sein Herz höherschlagen und offenbart seine Sehnsucht nach Kontakt. Diese und andere Geschichten zeigen Menschen, die bestimmte berufliche Rollen einnehmen, mit ihnen hadern oder sie ausfüllen.
Peter Stamms Erzählkunst zeichnet sich durch ökonomische Präzision aus: Kein Wort wirkt zu viel, jedes Detail leuchtet. Während manche Szenen plastisch dicht ausgemalt werden, lässt der Autor an anderen Stellen bewusst Leerstellen, die die Leserschaft mit ihrer Fantasie füllen muss. Durch dieses Einfühlen in andere Menschen gewinnt man als Leser neue Perspektiven auf die Welt – und vielleicht auch auf die Rollen, die man selbst auf den Bühnen des Alltags spielt.
Der Autor wird sein neues Werk am 5. März um 19 Uhr im Literaturhaus München präsentieren. Die Veranstaltung verspricht einen tiefen Einblick in Stamms literarisches Schaffen und seine unverwechselbare Erzählweise.



