Philipp Peyman Engel: Vom Studenten-Nerd zum intellektuellen Kämpfer
Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, Deutschlands führender jüdischer Wochenzeitung, beschreibt sich selbst als Bildungsaufsteiger und Kind aus dem Pott. Diese Selbstbeschreibung mag kokett klingen, doch Engel meint sie ernst. Seine Wurzeln verleihen ihm nicht nur eine starke Bodenhaftung, sondern auch eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegenüber ideologischer Vereinnahmung.
Fremdgefühl an der Universität und literarische Heimat
„Als Student war ich ein Nerd, fühlte mich fremd an der Uni“, gesteht Engel. Statt sich dem akademischen Mainstream anzuschließen, zog er Theater, Kino und ausgiebige Lektüre vor. Besonders prägend war für ihn der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. Die Aufführung von Der Ignorant und der Wahnsinnige im Bochumer Schauspielhaus besuchte er mindestens achtmal. Die reduzierte Darstellung des schwerkranken Otto Sander hinterließ bei ihm einen bleibenden Eindruck.
Diese Erfahrung erinnert Engel stets daran, dass man in der Provinz oft glücklicher sein kann als in Metropolen wie Berlin, weil man kulturelle Highlights dort intensiver wertschätzt. Seine literarischen Vorlieben zeigen eine deutliche Affinität zu Außenseitern und Menschen, die ihren moralischen Kompass stets neu justieren müssen.
Persönliche Helden und unbequeme Wahrheiten
Zu Engels persönlichen Helden zählt Hamed Abdel-Samad, den er für dessen schonungslose Ehrlichkeit bewundert. „Er hat den Finger in die Wunde gelegt, was die eigene Community betrifft“, erklärt Engel. Abdel-Samad zahlte dafür einen hohen Preis mit mehreren Fatwas und permanenter Leibgefahr. Trotz späterer Kritik an dessen Israel-Äußerungen nach dem 7. Oktober bleibt die Freundschaft zwischen beiden bestehen – wenn auch nicht ohne Spannungen.
Ein weiterer Held ist Christoph Schlingensief, den Engel als ebenfalls aus dem Pott stammend beschreibt. Trotz seiner Krebserkrankung gab Schlingensief vielen Betroffenen Kraft durch seine schonungslose Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben.
Literarische Einflüsse und intellektuelle Prägung
Engels literarische Auswahl spiegelt seine vielfältigen Interessen wider:
- Samuel Pepys' Tagebücher aus dem 17. Jahrhundert beeindrucken ihn durch ihre zeitlose Aktualität menschlicher Schwächen und Sehnsüchte.
- Georges Simenons Romane sieht er als Essenz des Menschlichen, die alle gesellschaftlichen Schichten anspricht.
- Michel Houellebecqs Plattform bezeichnet er als prophetischen Roman, der islamistischen Terror literarisch verarbeitet, ohne die Lesbarkeit zu beeinträchtigen.
- Leon de Winters Hoffmans Hunger schätzt er für die Balance zwischen leichtem Konsum und existenzieller Tiefe.
Besondere Bedeutung misst Engel auch Kindlers Literatur Lexikon bei, das ihm Zugang zu unbekannten Werken verschafft, sowie dem Literarischen Quartett mit Marcel Reich-Ranicki, das intellektuelle Debatten für ein breites Publikum zugänglich machte.
Kämpfer gegen Antisemitismus und Bewahrer der Freundschaft
Als Sohn einer aus dem Iran stammenden Jüdin und eines deutschen Vaters kämpft Engel seit Jahren gegen Antisemitismus, wohl wissend um die damit verbundenen Gefahren. In seinem Buch Was darf Israel? Ein Streit plädiert er für einen liberalen, universalistischen Ansatz. „Bei aller Gegnerschaft und allen politischen Spannungen sei Freundschaft stets das höherrangige Gut“, betont der Herdecker und zeigt damit Wege aus diskursiven Sackgassen auf.
Seine literarischen Vorlieben und persönlichen Begegnungen haben Engel zu einem Menschen geformt, der früh lernte, gegen den Strom zu schwimmen und einen freien Geist zu entwickeln. Diese Eigenschaften machen ihn heute zu einem wichtigen Akteur im Kampf gegen Antisemitismus und für einen offenen gesellschaftlichen Diskurs.



