Portugals literarischer Gigant António Lobo Antunes im Alter von 83 Jahren verstorben
Portugal hat eine seiner bedeutendsten literarischen Stimmen verloren. Der Schriftsteller António Lobo Antunes starb am Donnerstag, dem 5. März 2026, in seiner Heimatstadt Lissabon. Der Autor, der über Jahrzehnte hinweg als "ewiger" Kandidat für den Literatur-Nobelpreis galt, hinterlässt ein umfangreiches Werk von mehr als drei Dutzend Büchern.
Staatstrauer und landesweite Bestürzung
Die portugiesische Regierung rief für Samstag eine offizielle Staatstrauer aus. Ministerpräsident Luís Montenegro würdigte den Verstorbenen auf der Plattform X als inspirierende Persönlichkeit, die "uns auch über seinen Tod hinaus weiter inspirieren" werde. In den Straßen, Cafés und Büros Lissabons, Portos und anderer Städte war die Trauer deutlich spürbar.
Die renommierte Zeitung "Público" bezeichnete Lobo Antunes als "Revolutionär der portugiesischen Literatur", während die Verlagsgruppe Leya in einer Mitteilung betonte, seine Romane würden "für immer in der Erinnerung seiner Leser und Fans bleiben". Viele verglichen ihn in Anlehnung an den Fußballstar mit dem "Cristiano Ronaldo der Literatur".
Eigenwilliger Autor mit unkonventioneller Arbeitsweise
Für António Lobo Antunes bedeuteten literarische Auszeichnungen wenig. In einem Interview mit der spanischen Zeitung "El Mundo" sagte er einmal deutlich: "Ich scheiß' auf den Nobelpreis. Auszeichnungen machen Bücher nicht besser." Der gelernte Psychiater lebte nach eigenen Worten "nur für die Bücher" und zog sich in seinen letzten Jahren vollständig aus der Öffentlichkeit zurück.
Seine Arbeitsmethode war ebenso ungewöhnlich wie produktiv: Ohne Computer oder Schreibmaschine verfasste er seine langen, oft poetischen Texte mit Kugelschreiber auf kleinen Notizzetteln. Diese Technik nannte er selbstironisch "Schreiben ohne Kondom". Trotz dieser archaischen Methode erschienen seine Werke fast im Jahresrhythmus und wurden in etwa 60 Sprachen übersetzt.
Prägende Erfahrungen und literarischer Durchbruch
Ein entscheidendes Erlebnis war der Kolonialkrieg in Angola Anfang der 1970er Jahre, zu dem der junge Arzt aus wohlhabender Familie geschickt wurde. "Das war schrecklich, bei einem Krieg gibt es nur Verlierer. Es war eine radikale Erfahrung, die mein Leben verändert hat", reflektierte er später. Diese 27 Monate prägten sein Werk nachhaltig.
1979 gelang ihm mit dem stark autobiografischen Roman "Os cus de Judas" ("Der Judaskuß") der internationale Durchbruch. In diesem Monolog eines Kriegsveteranen verarbeitete er Schmerz, Erinnerungen und Bitterkeit. Themen wie Angst, Tod, Gewalt und Melancholie durchziehen sein gesamtes Œuvre, beeinflusst von eigenen Krankheitserfahrungen mit Tuberkulose in der Kindheit und mehreren überstandenen Krebserkrankungen.
Komplexer Stil und literarische Anerkennung
Literaturkritiker weltweit bescheinigten Lobo Antunes einen unverwechselbaren Stil: kunstvoll, komplex, mit häufigen Perspektiv- und Tempuswechseln, manchmal beinahe labyrinthisch. Sein letzter portugiesischsprachiger Roman "O Tamanho do Mundo" ("Die Größe der Welt") erschien 2022.
Zu seinen literarischen Vorbildern zählten Sartre, Hemingway, Malraux, Camus, Faulkner, Tolstoi und der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass, den er "als Schriftsteller, aber auch als Menschen" bewunderte. 2007 erhielt er den Prémio Camões, den wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt.
Persönliche Reflektion und bleibendes Erbe
Der Vater von drei Töchtern, seit 2010 in dritter Ehe mit einer Journalistin verheiratet, sah sich selbst nüchtern: "Ich bin introvertiert, verschlossen. Voller Selbstzweifel. Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Es ist so, als ob ich ständig im Bürgerkrieg wäre." Sein multikultureller familiärer Hintergrund – mit brasilianischem Vater, deutscher Großmutter und portugiesischen sowie italienischen Wurzeln – spiegelte sich in seiner universalen Themenbehandlung wider.
António Lobo Antunes wollte seine Werke nicht in gängige Kategorien einordnen lassen. Ihn interessierte nur der Versuch, "das ganze Leben zwischen die zwei Deckel eines Buches zu stecken" – eine Mission, die ihm nach Ansicht von Kritikern und Lesern weltweit meisterhaft gelungen ist. Portugal und die literarische Welt verlieren mit ihm einen eigenwilligen Geist, dessen Werk jedoch fortbestehen wird.



