Siegfried Lenz: Ein Jahrhundertautor mit ungebrochener Aktualität
Vor 100 Jahren, am 17. März 1926, wurde der Schriftsteller Siegfried Lenz im ostpreußischen Lyck geboren. Auch über ein Jahrzehnt nach seinem Tod im Jahr 2014 bleibt sein Werk von bemerkenswerter Brisanz und Zeitgenossenschaft. Als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur setzte sich Lenz intensiv mit der NS-Vergangenheit auseinander und stand dabei stets für gegenseitiges Verstehen und Aussöhnung.
Demokratischer Erzähler und Friedensvermittler
Der bescheiden auftretende Autor verstand es meisterhaft, in schlichter Sprache Schuld, Verstrickung und Alltagssorgen gewöhnlicher Menschen darzustellen. Sein literarisches Schaffen umfasst zeitkritische Romane wie „Deutschstunde“ (1968) und „Heimatmuseum“ (1978), die später erfolgreich verfilmt wurden. Als Bürger engagierte sich Lenz öffentlich und begleitete Bundeskanzler Willy Brandt 1970 auf dessen historischer Reise nach Warschau – ein Meilenstein der Aussöhnung mit Deutschlands östlichen Nachbarn.
Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering betont Lenz' Rolle als „Erzähler eines neuen demokratischen Aufbruchs“. Sein scheinbar einfacher, an amerikanischen Vorbildern geschulter Stil sei eine demokratische Geste, die fortwährend nationalsozialistische Denkmuster in Gewohnheiten und Redeweisen aufspüre. „Er war ein antiautoritärer Schriftsteller“, urteilt Detering, „und heute ist er wieder dran.“
Hamburg feiert seinen Ehrenbürger
Viele Jahrzehnte lebte der vielfach preisgekrönte Autor in Hamburg, wo er 2014 im Alter von 88 Jahren starb. Die Hansestadt ehrt ihren Ehrenbürger zum 100. Geburtstag mit einer Fülle von Veranstaltungen:
- Uraufführung einer Theaterfassung seines Anti-Kriegsromans „Der Überläufer“ in den Hamburger Kammerspielen
- Eine vielfältige „Kreativ-Challenge“ für junge Leute beim Norddeutschen Rundfunk (NDR)
- Die neue Textsammlung „Am Widerhaken hängt das Glück. Ein Fisch-Lesebuch“ seines Stammverlags Hoffmann & Campe
Diese Aktivitäten entstanden in Zusammenarbeit mit der Siegfried Lenz Stiftung, die der Autor kurz vor seinem Tod zur wissenschaftlichen Aufarbeitung seines Werks gründete.
Ökologischer Vordenker und Naturfreund
Weniger bekannt ist Lenz' frühes ökologisches Engagement. Schon in den 1970er Jahren thematisierte er in Werken wie dem Roman „Die Klangprobe“ (1990) Probleme wie Luftverschmutzung, Vergiftung der Lebensgrundlagen und Klimakrise, als diese Themen noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert waren.
„Dieser aus dem masurischen Seengebiet stammende Wanderer, Sportsmann, Angler und Segler war ein grüner Vordenker“, erklärt Detering. Die neue Textsammlung zeigt den leidenschaftlichen Naturfreund, der regelmäßig auf der dänischen Insel Alsen lebte und fischte.
Anhaltende literarische Bedeutung
Günter Berg, Vorsitzender der Siegfried Lenz Stiftung und früherer Verleger des Autors, betont die zeitlose Aktualität von Lenz' Erzählungen: „Viele seiner Erzählungen sind aktuell und zeitlos. Sie lesen eine Geschichte von 1959 und haben kein Indiz, dass sie nicht von heute ist.“
Der Überraschungserfolg seiner späten Novelle „Schweigeminute“ (2008), die mehr als 350.000 Mal auf Deutsch verkauft und in 26 Sprachen übersetzt wurde, sowie der Bestsellerstatus von „Der Überläufer“ 2016 belegen die anhaltende Resonanz seines Werks.
Lenz' Fähigkeit, „den Menschen nah zu kommen, ihren Bedürfnissen, ihren Gefühlen, auch ihren Lastern“, macht sein Werk bis heute besonders relevant. In einer Zeit, in der rechte Denkweisen wieder an Bedeutung gewinnen und ökologische Fragen drängender denn je sind, erweist sich Siegfried Lenz als Autor von ungebrochener Aktualität und Weitsicht.



