Danny L Harle: »Cerulean« feiert Eurodance-Renaissance mit Pop-Stars
Danny L Harle: Eurodance-Renaissance auf »Cerulean«

Album der Woche: Danny L Harle – »Cerulean«

Wenn die angesagtesten Pop-Sängerinnen der Gegenwart ihre Stimmen für ein Projekt leihen, dann lohnt sich das genaue Hinhören. Auf »Cerulean«, dem neuen Album des britischen Hyperpop-Produzenten Danny L Harle, finden sich Dua Lipa, PinkPantheress, Caroline Polachek, Clairo und Oklou in einer ungewöhnlichen musikalischen Symbiose wieder. Gemeinsam feiern sie eine unironische Wiederbelebung des Eurodance der Y2K-Ära, jener prägenden Zeit um die Jahrtausendwende.

Eine Reise in die späten Neunziger

Der 36-jährige Harle, der 2013 gemeinsam mit A.G. Cook das einflussreiche Label PC Music mitbegründete, bezeichnet »Cerulean« als sein erstes richtiges Debütalbum. Tatsächlich folgt es auf das 2021 veröffentlichte »Harlecore«, doch erst jetzt, so der Künstler, sei ihm sein wahrhaftigstes und persönlichstes Pop-Statement gelungen. Dafür channelte er gezielt seine Jugendeinflüsse: den späten Eurotrash von Eiffel 65, Vengaboys, Gigi D’Agostino und Darude ebenso wie Goth-Emorock von Evanescence und die polyfone Kammermusik der Renaissance.

Das klingt nach einem musikalischen Widerspruch? Genau das Gegenteil ist der Fall. Auf »Cerulean« verschmelzen diese scheinbar unvereinbaren Elemente zu einer homogenen Klangwelt, die den gegenwärtigen Zeitgeist perfekt einfängt. In einer Ära, die sich nach der vermeintlichen Unschuld der späten Neunzigerjahre sehnt, wirken die hyperenergetischen Beats und euphorisch-melancholischen Sounds wie eine willkommene Zeitreise.

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Die Kunst der stimmlichen Emotion

Interessanterweise ging es Harle bei der Auswahl seiner Gaststimmen weniger um Geschlechterfragen oder aktuelle Trends, sondern um eine spezifische emotionale Qualität. Wie er der »New York Times« verriet, suchte er nach einer bestimmten Stimmhöhe, die ihn regelmäßig zu Tränen rührt. Dieser klangliche Ansatz verleiht der Musik eine ergreifende Naivität, die selbst bei offensichtlichen Bad-Taste-Elementen wie der Teletubbies-Hommage »Laa« oder dem selbstironischen »O Now Am I Truly Lost« charmant wirkt.

Mit der Dua-Lipa-Kollaboration »Two Hearts« landet Harle sogar einen veritablen Pophit im Retrodesign. Doch das Album bietet mehr als nur nostalgische Reminiszenzen. Es positioniert sich als extrem gegenwärtiges Pop-Kontinuum, das fließende Beats, synthetische Fanfaren und sehnende Frauenstimmen zu einer zeitlosen Einheit verschmilzt.

Hyperpop zwischen Theorie und Romantik

Während A.G. Cook als Theoretiker von PC Music gilt, der mit Charli XCX an marketingkritischen Projekten arbeitet, verkörpert Harle den romantischen Träumer des Kollektivs. Auf »Cerulean« domestiziert er die schartigen Ecken und Kanten des ursprünglichen Hyperpop-Sounds und macht ihn zugänglicher, ohne dabei an Substanz zu verlieren.

Historisch betrachtet diente Hyperpop queeren Künstlerpersonen wie der verstorbenen Produzentin SOPHIE als musikalische Entsprechung der Akzelerationismus-Philosophie – eine Reaktion auf Überforderung durch Hasspostings und Informationsflut. Harles Ansatz ist weniger konfrontativ, aber nicht weniger wirkungsvoll. Er beamt den Hörer in ein nostalgisches, doch zugleich höchst aktuelles Klanguniversum, das vielleicht tatsächlich eines der Pop-Alben des Jahres darstellt.

Kitschig? Auf jeden Fall! Aber in einer Weise, die bewusst gewählt und handwerklich brillant umgesetzt ist. Wer sich auf diese musikalische Reise einlässt, wird mit einem Album belohnt, das die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Hochkultur und Populärkultur elegant verwischt.

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