Eine Glaskabine unter der Bühne, in der sich ganze Bands und Orchester umziehen – komplett verglast und von außen einsehbar. „Aquarium“ nennen sie das hausintern, schmunzelnd. Dies ist nur eine von vielen Pointen des Abends, die zeigen: Innen ist die Konzertkirche Neubrandenburg ein ganz anderes Haus als außen.
Einmal Wandern mit allen Sinnen
Von 19.25 Uhr bis 22.15 Uhr führt Thomas Laschinski 25 Teilnehmer durch die Konzertkirche. Die ungewöhnliche Anfangszeit ist kein Zufall, sondern eine Anspielung auf das Vierteljahrhundert, das das Veranstaltungshaus in seiner mittelalterlichen Hülle inzwischen feiert. Laschinski, Veranstaltungsmanager und Veranstaltungskaufmann, hat das Format selbst entwickelt. Er kennt jede Treppe, jeden Schalter, jede Anekdote. „Heute sehen wir was, heute schmecken wir was, und wer anfassen will, kann auch fühlen“, sagt er zu Beginn.
Der Abend wird zur Reise durch Gegensätze. Außen Backsteingotik, über 700 Jahre alt. Innen Sichtbeton, Stahl, Glas und Eschenholz. Zwei Häuser, die ineinander stehen und akustisch entkoppelt sind. Man könnte das Konzerthaus theoretisch herausheben und woanders aufbauen, beide funktionieren autark. Selbst die Glocken im selben Gebäude hört man im Saal nicht. Die Stationen, die Laschinski ansteuert, hat kein Touristenführer auf dem Zettel. Hinter dem Sparkassenrang öffnet er die Tür zur Regie, danach geht es auf den Schnürboden – 20 Meter über der Bühne, wo das sechs Tonnen schwere Akustiksegel an Stahlseilen hängt und auf den Zentimeter genau gefahren werden kann.
Eine Etage höher wartet ein Klimaraum mit Aggregaten, die pro Stunde 24.000 Kubikmeter Luft umwälzen – mehr, als der Saal überhaupt fasst. Daneben Archive mit Aktenordnern, Lagerräume, ein leerer Raum mit Galeriepotenzial, der an Brandschutzauflagen scheitert. Im Möbelkeller stehen Stühle und Notenpulte für ein komplettes Orchester, sechs Meter unter der Erde, hochgefahren über einen Spirallift.
Geschichten erzählt, die keiner weiß
Zwischendurch erzählt Laschinski Geschichten, die kein Programmheft kennt. Von einem international bekannten Dirigenten, der nach fünf Minuten Probe von der Bühne ging, weil er die Akustik für kaputt hielt – tatsächlich war sie nur so gut, dass er das Orchester perfekt hörte und sein eigenes Spiel vermisste. Vom Musiker, der eine Stunde lang über eine blendende Lampe klagte, bis sich herausstellte: Es war die Sonne. Von der Metallplatte, die bei einem Konzert von The Dark Tenor durch Vibrationen aus der Decke segelte und auf den Umgang knallte – seither sichern Ketten jede einzelne Platte zusätzlich.
Auf 45 Metern Höhe, oben am Turm, gibt es eine Pause mit Küchlein und Getränken, dazu der Blick über Neubrandenburg. Auf dem Rückweg folgt der musikalische Höhepunkt: Tobias Brommann, Kantor von St. Johannis, setzt sich an den Spieltisch und spielt zwei Stücke, die den Bogen des Abends spannen – Bachs Toccata d-Moll für die mittelalterliche Hülle, das James-Bond-Theme für das moderne Veranstaltungshaus. Wer mag, darf danach einen Blick ins Innere der Orgel werfen und die größte Pfeife (sechs Meter) und die kleinste (elf Millimeter) aus der Nähe sehen. 70 Register, gebaut von zwei Konkurrenten gleichzeitig, weil der Stifter Günther Weber sie zu seinem 70. Geburtstag fertig haben wollte und ein Orgelbauer allein die zwei Jahre nicht geschafft hätte.
Wohnzimmerkonzerte im Herbst geplant
„Klang & Kulissen“ reiht sich ein in einen „Sommer der Höhepunkte“ zum Jubiläum. Es folgen das White Dinner am 5. Juli, das Festkonzert am 16. Juli mit Klassik-Open-Air-Übertragung an der Konzertkirche und im Herbst die Wohnzimmerkonzerte. Vier weitere Sonderführungen sind geplant: am 21. Juni, 9. Juli, 28. August und 18. September, jeweils um 19.25 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf des Veranstaltungszentrums, einige Termine füllen sich bereits.
Wer einmal mitgegangen ist, versteht, warum Laschinski für jede Führung einen anderen Plan im Kopf hat. Klimaräume, einzelne Solistengarderoben so klein wie Hotelzimmer, Möbelkeller, Regieräume, Archive, ungenutzte Leerräume, dazu Schnürboden, Sparkassenrang und Turm – das ist mehr Material, als ein Abend fasst. Beeindruckend, an manchen Stellen überwältigend. Am Ende bleibt das Bild der gläsernen Kabine: das Aquarium, in dem ganze Orchester ihre Krawatten richten, während oben das Mittelalter mit modernster Konzerttechnik flirtet.



