Hamburg – Wenn Udo Lindenberg zu BILD sagt: „60 Jahre Karriere und ich bereue keine Sekunde“, dann klingt das nicht trotzig und nicht wie eine Abrechnung mit der Zeit. Es klingt zufrieden. Klar. Fast gelassen. Wie jemand, der weiß, was er erlebt hat, und der mit sich im Reinen ist, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 17. Mai. Dieses Datum, geboren 1946 in Gronau in Westfalen, steht im Pass. Doch jetzt, neben BILD, steht ein neugieriger Junge mit Hut, enger schwarzer Hose und knallgrünen Socken in den schwarzen Stiefeletten. Man vergisst im Gespräch mit dem Musiker völlig, welche Zahl da eigentlich gefeiert wird.
Ein Leben voller Musik und Abenteuer
Udo wirkt nicht wie jemand, der auf acht Jahrzehnte zurückblickt, sondern wie einer, der noch Pläne hat. Alter ist bei ihm keine Kategorie, eher eine technische Angabe. Falten hat er vielleicht im Gesicht, aber sicher keinen Staub auf der Seele. Einmal versuchte ich, ihn zu siezen. Lieber Herr Lindenberg … Er winkte ab: „Ich bin unsiezbar. Wir sind die Panikfamilie.“ Eigentlich plante er, über seinen Ehrentag in die Südsee zu fliegen. Doch: „Die Flieger fliegen mir zu langsam. Planänderung“, sagt er zu BILD. Ein typischer Lindenberg-Scherz. Wo feierst Du jetzt, Udo? „Geheim.“ Er schmunzelt. Wird es eine Geburtstagstorte geben? „Überraschung.“
Neues Album: „We love Udo“
Geschenke für den Rock-Poeten gibt es genügend. Die große Ausstellung „Udoversum“ im Hamburger Stilwerk eröffnete gerade und zeigt bis zum 4. Oktober das außergewöhnliche Leben und Werk einer der prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Kultur. Der NDR widmet ihm die Doku „Udo. Rebell. Rockstar. Ikone.“ (ab 10. Mai in der ARD‑Mediathek, am 18. Mai, 20.15 Uhr im Fernsehen). Und auf dem Tribute-Album („We love Udo“, im Handel seit 8. Mai) singen Künstler seine Lieder neu: u. a. Tokio Hotel, Peter Maffay, Ina Müller, Zoe Wees, Max Giesinger. Auf diesem Werk treffen Generationen aufeinander und in der Mitte steht Udo. Zeitlos. Unverwüstlich. Die neuen alten Lieder sind mehr als eine Hommage. Sie zeigen, dass Udo kein Künstler von gestern ist. Sondern einer für damals, heute und morgen. Udos Musik hat kein Ablaufdatum. Sie wandert durch die Jahrzehnte wie durch offene Türen und zeigt, dass Udo nicht nur einer Epoche gehört. Er gehört allen.
Ja, er freut sich „wirklich sehr“ über dieses Album. „Der Sound der Kollegen zu meinen Liedern mit Botschaft ist neu. Meine Texte, meine Kompositionen, das trifft sich dann auch mit den jungen Leuten. Experimentieren, machen, zaubern. Sie probieren damit herum. Sehr liebevoll, aber zum Teil auch sehr radikal. Das ist eine hohe Ehre. Ich ziehe meine sieben Hüte und so.“
Udo: „Ich bin ein Optimist. Ich bin ein Visionär.“
Politik war für Udo Lindenberg nie Dekoration, sondern Haltung. In seinen Bildern und Liedern gehe es „natürlich auch um politische Sachen“, sagt er. „Also etwa die Nazis. Wir brauchen keine neuen Nazis. Wir brauchen keinen Führer.“ Seinen Kult-Song „Das Mädchen aus Ost-Berlin“ (1973) nennt er rückblickend „eine hochpolitische Aktion. Einen echten Schlüsselmoment“. Für ihn bedeutet Künstlersein immer auch Einmischen: „Einen Blick auf den Staat haben. Dass die Menschen sich einmischen, auf die Straßen gehen, mit Initiativen anschieben und so weiter.“ Er erzählt von seiner „Udo Lindenberg Stiftung“, die Bildungs- und Wasserprojekte in Afrika ebenso fördert wie junge Musiker. „Wir setzen uns ein für eine gerechtere Welt. Es gibt so viel zu tun“, sagt Udo. Über allem steht seine große Vision: „Ich bin ein Optimist. Ich bin ein Visionär. Wir haben die große Vision. Love and Peace und so.“
Konzerte noch bis zum 100. Geburtstag?
BILD läuft mit Udo durch seine Ausstellung. Schnell wird klar: Das hier ist kein Rückblick auf ein fertiges Lebenswerk. Das ist ein Zwischenstand. „Mein Lebenswerk endet mal mit meinem Leben. So lange mache ich weiter“, sagt Udo. „Ich denke nicht ans Aufhören. Mache weiter bis hundert. Dann gibt es ein Konzert. 2046. Das wird ein Riesenkonzert. Im Klub der 100-Jährigen.“ Warum willst Du nur 100 werden, Udo? Da lacht er schelmisch unter seinem Hut hervor, sagt: „Okay. 130 wäre gut. Vielleicht gibt es neue medizinische Möglichkeiten mit KI, die mir helfen, so alt zu werden. Ich bin ein sehr neugieriger Vogel, weißt Du?!“ Und dann sagt er diesen Satz, der alles erklärt: „Mein Leben ist ein Wundertitel. Mein Leben ist ein Abenteuer.“
Sein Lebensmotto ist angelehnt an den Satz des Schriftstellers Hermann Hesse (†1962): „Nichts ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“ Udo formuliert es so: „Wichtig ist, dass Du auf Dich selbst hörst, bei dem, was Du machst, und Dein Blut ins Rauschen kommt vor Freude.“
Von der Kellnerlehre „hinaus in eine schöne Welt“
Udo Lindenberg, zweites von vier Kindern, wusste früh, dass er Musiker werden wollte. Bevor es mit der Rockstar-Karriere richtig losging, wollte er sich allerdings „ein kleines Sicherheitsnetz“ bauen, erzählt er. „Mit fünfzehn fing ich eine Kellnerlehre an. Im schicken Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf an. Danach wollte ich auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten, um die Welt reisen. Ich wollte raus aus unserer kleinen Stadt. Hinaus in eine schöne Welt.“ Abenteuerlust im Herzen, aber irgendwo im Hinterkopf doch ein bisschen Bodenhaftung? „Nach drei Monaten war Schluss. Da bekam ich einen Job in einer Jazzbar in Düsseldorf. Dann ging’s los mit der Musik. Ich wollte Abenteuer machen, Musik und so. Und wenn’s geht, irgendwie Rockstar werden, ne?“
Angesprochen auf seine Familie, die er sehr liebt, erinnert er sich an eine Anekdote. „Die Begeisterung bei meiner Geburt war überschaubar. Als mein älterer Bruder Erich zur Welt kam, war er die Sensation. Dann sollte ein Mädchen kommen als zweites Kind, und gekommen bin ich. Das war eine ziemliche Enttäuschung. Ich war erst mal ein Flop.“ Ein Flop, der Geschichte schrieb. „Nach mir kamen meine hübschen Zwillingsschwestern. Die waren wieder eine Sensation. Wir waren zu Hause ein ziemlicher Rock-’n’-Roll-Haushalt. Eltern, Geschwister, Oma, Tante, Onkel – alle in einem Haus.“
Sie war sein Herzanker
Enge, Lautstärke, Liebe. Seine Mutter Hermine war Udos Herzanker. „Hermine war sehr sensibel, arbeitete hart. Wir hatten eine enge Connection. Mit ihr konnte ich prima sprechen.“ Sein Vater Gustav? „Mein Vater war Klempner, er wäre gerne Dirigent geworden, fühlte sich aber der Lindenberg-Tradition verpflichtet. Sein Vater war auch schon Klempner.“ Stellvertretend für den Senior hat Udo den Taktstock übernommen, nur eben mit Hut und Sonnenbrille. In der Ausstellung widmet er seinen Eltern (†) und seinem Bruder († 2006) eine eigene Ecke. Familie ist kein Nebensatz in Udos Leben. Sie ist das Fundament. Und auch jetzt, mit 80, sind sie bei ihm. Denkst Du oft an Deine Eltern und Deinen Bruder? „Ja. Immer“, sagt Udo. „Die sind ja immer dabei bei den ganzen Konzerten. Wenn es regnet im Stadion, dann gucke ich durch die Wolken und sage: Hermine, Gustav, bitte schiebt die Wolken mal zur Seite, lasst den Sonnenschein kommen. Und dann passiert es.“
Der Tod seines Bruders Erich hat ihn erschüttert. „Das war plötzlich und schockierend. Von einem Tag auf den anderen. Einfach so.“ In seiner Autobiografie („Udo“, 2018) bezeichnet er den Verlust als tiefen Einschnitt bzw. Wendepunkt in seinem Leben. Rückblickend sagt er sogar, dass ihn der Tod seines Bruders indirekt „gerettet“ habe, weil er dadurch seinen eigenen Lebensstil (Alkohol, Selbstzerstörung) überdachte und änderte. Für seine Eltern hat Udo Lindenberg eigene Alben gemacht: „Hermine“ (1988) ist seiner Mutter gewidmet, „Gustav“ (1991) seinem Vater. Sie gelten als bewusste „Familien-Alben“. Das Album „Stark wie Zwei“ (2008) steht in engem Zusammenhang mit dem Tod von Erich Lindenberg und wird von Kritikern oft als emotional davon geprägt beschrieben.
Warum im Hotel wohnen?
Was ist so besonders an diesem Mann? Lindenberg war einer der Ersten, die Rock konsequent auf Deutsch gemacht haben. Seine leicht schnoddrige Sprache und sein Nuschelstil sind unverwechselbar. Voller eigener Wörter und Bilder, gleichzeitig poetisch und alltagsnah. Seine Texte gelten teilweise sogar als hochliterarisch, er mixt Rock, Jazz, Pop, Blues. Sein Look ist Kult: Hut, Sonnenbrille, Whiskyglas. Seit 1980 wohnt er im Hamburger Hotel Atlantic. Warum eigentlich? „Ein eigenes Haus ist nichts für mich. Das hab‘ ich mal ausprobiert. Zu kompliziert. Im Hotel kann ich mich auf das konzentrieren, was mir wichtig ist. Malerei, Musik, Texte machen.“
Er ist Maler („Likörelle“ mit Eierlikör). Texter. Bühnenfigur. Gesellschaftlicher Aktivist. Udo drückt es so aus: „Ich erfinde deutsche Rocktexte. Singe, ohne eine Sekunde Gesangsunterricht gehabt zu haben. Die Stimme kommt dann so um die Ecke, ein bisschen gegurgelt und so, ein paar Zigarren. Ich hatte mal eine Krise. Da war ich nicht so gut drauf. Da habe ich mich ein bisschen verschluckt und so. Da war ich nah am Ertrinken. Nach der Mengenlehre, weißte, mehr ist mehr, mehr ist besser. Heute gezielte Drogeneinnahme, was mir wesentlich besser bekommt.“
Was findest Du sexy, Udo?
Die Zahl 80 findet er „nicht sexy“, sagt er. Was findest Du sexy, Udo? „Viele sind sexy. Unsere neuen Shows sind sexy. Unsere Songs sind sexy. Ich bin sexy, auch schlau.“ Bist Du denn wenigstens ein bisschen dankbar dafür, dass Du Deinen 80. Geburtstag feiern darfst? Er nickt. „Ja, bin ich. Bei dem Lebensstil und so war das keine Selbstverständlichkeit. Ich gehöre zu den Menschen, die alles ein bisschen extremer angehen. Früher landete ich mehrmals im Jahr zur Entgiftung im Krankenhaus. Ich hätte also auch früher wegfliegen können. Aber da hat wohl jemand gedacht, das ist zu früh, ne? Bleib’ mal noch ein bisschen an Bord.“
Am Ende bleibt noch ein Geheimnis. Ein mögliches Kind (angeblich 1985 geboren), das Udo Lindenberg mit dem „Mädchen aus Berlin“ haben soll. Von BILD auf seinen womöglich heimlichen Sohn angesprochen, antwortet er ausweichend: „Das ist ja unser Lindenberg-Geheimnis. Ich wollte mein Mädchen aus Berlin und unseren Sohn, falls es ihn gäbe, schützen und aus der Öffentlichkeit heraushalten. Das ist mir bis heute ja gut gelungen. Mein Mädchen aus Ost-Berlin und ich haben bis heute guten Kontakt.“ Es ist wohl genau dieses Geheimnis, das zu Udo Lindenberg gehört wie Hut und Sonnenbrille.



