Metropoltheater-Kritik: „Mittwinter“ als intensives Psychogramm kriegsgebeutelter Menschheit
Jochen Schölch inszeniert das Stück „Mittwinter“ von Zinnie Harris am Metropoltheater als intensives Psychogramm einer von Kriegen gebeutelten Menschheit. Mit einem starken Ensemble schafft er eine dichte, existenzialistische Inszenierung, die tief in die Abgründe menschlicher Existenz blickt.
Eine dystopische Welt voller Grauen und Überlebenskampf
Auf der Bühne des Metropoltheaters liegt ein totes Pferd, ein weiß-schwarz gefleckter Kadaver, der sofort eine Atmosphäre der Verzweiflung erzeugt. Eine Frau betritt gehetzt den Raum, kniet sich vor das Pferd, weidet es mit einem Messer aus und beißt gierig in ein blutiges Stück Fleisch. Noch bevor das erste Wort gefallen ist, wird klar: Diese Frau befindet sich in einer extremen Ausnahmesituation. Das schale Licht, das auf die Bretterbühne von Thomas Flach fällt, verstärkt diese düstere Stimmung. Im Hintergrund leuchtet ein orangener Scheinwerfer wie jene Wintersonne, von der immer wieder die Rede ist und die kein wirkliches Licht ins Dunkel bringt. Sie macht nur das Grauen sichtbar, das hier um sich gegriffen hat.
Die Trilogie rund um menschliche Kriege und ihre Folgen
„Mittwinter“ ist der zweite Teil einer Trilogie, die sich mit den Kriegen beschäftigt, die Menschen miteinander führen. Der erste Teil, „Sonnenwende“, erzählt vom Ausbruch eines Bürgerkriegs, während der dritte Teil, „Herbst“, den Umgang mit Kriegsverbrechern thematisiert. Dazwischen steht „Mittwinter“, jenes Stück, das nun am Metropoltheater Premiere feierte und die Zuschauer in eine Welt voller moralischer Abgründe und emotionaler Verwirrung führt.
Furioses Ensemble und komplexe Charakterstudien
Die Frau, die sich das Pferd erkämpft hat, nennt sich Maud und wird von Genija Rykova gespielt. Furios zeigt die Schauspielerin eine Frau, die sich ihrer Umgebung angepasst und sich eine Härte zugelegt hat, unter der eine fragile Zartheit liegt, die immer wieder hervorscheint. Als ein alter Mann mit seinem ausgehungerten Enkelsohn in der Ödnis auftaucht, bietet sie ihm einen Deal an, der so absurd wie schlüssig ist: Der Junge kann das Pferd haben und essen, wenn sie dafür den Jungen als Ersatz für ihr verlorenes Kind erhält. Es ist ein Handel unter Verzweifelten: körperliche Rettung gegen seelische Erfüllung.
Das tote Tier soll das Leben des Kindes retten; das Kind wiederum soll Mauds emotionales Überleben sichern. Weil er keine Wahl hat, lässt der Alte sich auf diesen schrecklichen Tausch ein. Später kehrt Mauds Mann zurück, nach zehn Jahren im Krieg, der Totgeglaubte, der glaubt, jenes Kind sei sein eigenes. Was ist echt? Was erfunden oder erträumt? Die Autorin Zinnie Harris erschafft ein fragiles Geflecht aus Lebenslügen, in dem unklar bleibt, wer eigentlich wie zu wem in Verbindung steht.
Moralisch fragwürdige Mittel und emotionale Verstrickungen
Paul Kaiser als Händler, Thomas Schrimm als Großvater und Michele Cuciuffo als Heimkehrer stehen alle in komplexen Beziehungen zu dieser Frau, die um ihr tatsächliches und emotionales Überleben kämpft und dabei zu moralisch höchst fragwürdigen Mitteln greift. Zwischen ihnen allen steht dieses Kind, das wie ein Spielball herumgeschubst wird und unter der Last der Erwartungen stumm bleibt. Anna Graenzer gelingt eine faszinierende Charakterstudie durch ihre bloße Körperlichkeit. Wie das Kind zunächst noch aufmuckt und vorsichtig rebelliert, wie es die Nähe seiner neuen Mutter sucht, um dann wieder jeden Halt zu verlieren, zeigt sie durch Blicke und Gesten, die zutiefst berühren.
Diffus-dystopische Atmosphäre und gesellschaftliche Blindheit
Zinnie Harris schafft eine diffus-dystopische Atmosphäre, in der jeder Frieden nur von kurzer Dauer ist – eine bloße Pause in einem andauernden Kriegszustand. Die Soldaten, die heimgekehrt sind, tragen einen ominösen Parasiten in sich, der sie blind macht. Ein passendes Bild für diese Gesellschaft, in der niemand wirklich sieht, wer der andere ist. Das Stück wie auch die sensible Inszenierung von Jochen Schölch zeigen die Fehler und Lügen dieser Menschen auf, ohne über sie zu urteilen. Sie reimen sich ihre Leben zusammen, schaffen sich fiktive Zusammenhänge und Verwandtschaften, wo keine sind, und suchen verzweifelt nach Halt und menschlichen Verbindungen.
Echte Gefühle in erfundenen Biographien
Es gibt kein richtiges Leben im falschen in dieser düsteren Welt, aber es gibt echte Gefühle in erfundenen Biographien. Und so scheint am Ende doch noch ein Hauch von Utopie auf – eine fragile Hoffnung, dass Menschlichkeit selbst unter den schlimmsten Bedingungen überleben kann. Die Inszenierung am Metropoltheater bleibt als intensives, bewegendes Theatererlebnis in Erinnerung, das die Zuschauer mit fundamentalen Fragen über Krieg, Überleben und menschliche Verbindungen zurücklässt.



