Patriarchat im Theater: Rieke Süßkows 'Bernarda Albas Haus' im Münchner Cuvilliéstheater
Patriarchat im Theater: Süßkows 'Bernarda Albas Haus' in München

Patriarchat im Theater: Rieke Süßkows 'Bernarda Albas Haus' im Münchner Cuvilliéstheater

Im Cuvilliéstheater München inszeniert Regisseurin Rieke Süßkow Federico García Lorcas Stück „Bernarda Albas Haus“ als eindringliche Studie über die Verinnerlichung des Patriarchats durch Frauen selbst. Die Produktion des Residenztheaters verzichtet bewusst auf männliche Hauptfiguren und konzentriert sich stattdessen auf die Dynamiken unter den weiblichen Charakteren.

Ein Gefängnis aus Tradition und Religion

Das Stück beginnt symbolträchtig mit einem Gockel auf der Bühne, der von einer Magd gefüttert wird. Diese Szene steht sinnbildlich für den gesamten Abend: Männer sind zwar physisch abwesend, doch ihr Einfluss durchdringt jede Faser der weiblichen Existenz. Bernarda Alba, gespielt von Katja Jung mit präziser Unerbittlichkeit, verkündet nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns eine achtjährige Trauerzeit, in der ihre fünf Töchter das Haus nicht verlassen dürfen.

Ein schwarzverschleierter Frauenchor unter der Leitung von Daniel Weber wiederholt diesen Satz als gregorianischen Gesang. In der insistierenden Repetition wird deutlich, wie hier eine Tradition fortgesetzt wird, die bereits von Bernardas Vater und Großvater gepflegt wurde. Musiker Kostia Rapoport vertont einige Passagen im sakralen Stil, was auf den Anteil der katholischen Kirche an diesem patriarchalischen Gefängnis hinweist.

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Formstarke Inszenierung und kluges Bühnenbild

Regisseurin Rieke Süßkow, die bereits zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, bleibt ihrer Ästhetik treu. Ihre Inszenierung ist stark formalisiert und atmosphärisch dicht. Das Bühnenbild von Marlene Lockemann zeigt ein überdimensionales Fenster mit Lamellen, das sich seitlich öffnet und den Blick auf eine kinoartig verengte Spielfläche freigibt. Ein Fließband läuft durch den Raum, und ein kleines Fenster in der Wand bleibt ebenfalls durch Lamellen versperrt – eine aussichtslose Situation.

Süßkow kondensiert Lorcas Stück deutlich und entfernt sogar einen Handlungsstrang, in dem drei Töchter um die Gunst eines Mannes buhlen. „Wir wollen nicht, dass wieder einmal ein Mann im Zentrum des weiblichen Interesses steht“, so die Intention des Teams. Stattdessen beschäftigen sich die Frauen vor allem mit sich selbst und zerfleischen sich gegenseitig.

Mechanische Bewegungen und quälende Langsamkeit

Die fünf Töchter – gespielt von Evelyne Gugolz, Naffie Janha, Alexandra Juschkewitsch, Lisa Stiegler und Felicia Chin-Malenski – sitzen vereinzelt auf weißen Podesten in seltsam angespannter Haltung. Sie fächeln sich mit schwarzen Fächern Luft zu, in synchronisierten, verlangsamten Bewegungen, deren mechanischer Rhythmus durch metallische Klänge akzentuiert wird. Das Publikum erlebt so das quälend langsame Vergehen der Zeit und die zunehmende Anstrengung des Stillhaltens.

In Nuancen geben die Darstellerinnen ihren Figuren Konturen. Felicia Chin-Malenski als jüngste Tochter Adela rebelliert als Einzige gegen das Regiment der Mutter, schwingt sich in einem ausschweifenden grünen Kleid von Sabrina Bosshard engelsgleich in die Höhe und verwendet einen lebensfreudig roten Fächer. Doch ihre Emanzipationsversuche stehen auf verlorenem Posten.

Gewalt unter Frauen und Momente des Widerstands

Die Gewalt unter den Frauen rührt daher, dass sie das Patriarchat verinnerlicht haben. Gleichberechtigung bedeutet hier auch, ebenso fies sein zu können wie männliche Figuren. Tochter Martirio staunt über ihren Hang zum Bösen, die Magd (Frieda Lüttringhaus) erzählt von Übergriffen des toten Hausherrn und revanchiert sich an der Leiche, und La Poncia (Nicola Kirsch) träumt davon, ihrer Herrin ein Jahr lang ins Gesicht zu spucken.

Ein Hoffnungsschimmer kommt von der Großmutter, gespielt von Barbara Melzl. Sie nimmt sich jede Freiheit, führt ihr eigenes Krippenspiel auf und rennt gegen die Richtung des Fließbands. Doch selbst sie erleidet Gewalt durch eine Enkelin. Wie lange hält Widerstand ohne Solidarität? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

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In der finalen Szene weigert sich Adela, die männliche Speise zu sich zu nehmen, die ihre Mutter allen Töchtern aufdrängt. Eine etwas seltsam ausfasernde Sequenz, die dennoch die Ausweglosigkeit der Situation unterstreicht. Süßkows Inszenierung zeigt: Das Genre des Gefängnisfilms funktioniert auch im Theater und erzeugt ausdrucksstarke Tableaus am laufenden Band.