Vom Schreibtisch auf die Bühne: Rostocker Chefdramaturg spielt Geige in 'Anatevka'
Rostocker Chefdramaturg spielt Geige in 'Anatevka'

Vom Schreibtisch auf die Bühne: Rostocker Chefdramaturg spielt Geige in 'Anatevka'

Eigentlich arbeitet Stephan Knies hinter den Kulissen des Rostocker Volkstheaters in der Musiktheater-Sparte als Chefdramaturg. Doch zur Premiere von „Anatevka (Fiddler on the Roof)“ am 21. März überraschte er das Publikum in einer besonderen Rolle: als bärtiger Fiedler auf der Bühne. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Auftritt kam und welche Aufgaben ein Dramaturg am Theater überhaupt hat, verrät er im exklusiven Interview.

Die vielseitigen Aufgaben eines Dramaturgen

Herr Knies, was genau macht eigentlich ein Dramaturg? Diese Frage höre ich tatsächlich mindestens zweimal pro Woche! Es gibt dazu einen schönen Satz: Ein Dramaturg ist dann gut, wenn man nicht merkt, dass er da ist – aber sofort spürt, wenn er fehlt. Im Grunde habe ich drei Hauptaufgaben: Spielplan(mit)gestaltung, Produktionsbegleitung und Kommunikation – sowohl intern als auch extern. Jeder Leporello, jedes Programmheft oder jeder Stücktext gehen auch über meinen Schreibtisch.

Ein Dramaturg ist idealerweise so etwas wie das Gedächtnis des Theaters. Ich muss auch wissen, was deutschlandweit im Trend liegt. Intendant, die Kollegen in der Spartenleitung und ich überlegen dann, welche Stoffe und Produktionen in unsere Stadt passen könnten und bauen darauf aufbauend den Spielplan. Bei den einzelnen Produktionen bin ich der engste Sparringspartner der Regisseure: Wir basteln an Textfassungen, streichen Szenen oder schieben bei einer Oper auch mal Musiknummern hin und her, damit die Geschichte am Ende stimmig bleibt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Und ich bin quasi der Anwalt des Publikums und stelle die kritischen Fragen, damit die Zuschauer am Ende nicht rausgehen und sagen: „Schön gesungen, aber die Logik habe ich nicht verstanden.“

Vom Dramaturgen zum Bühnenstar

Nun sieht man Sie in der aktuellen „Anatevka“-Produktion aber nicht im Publikum sitzen, sondern in 3,70 Meter Höhe auf der Bühne – mit angeklebtem Bart und der Geige in der Hand. Wie kam es dazu? Das ist ganz einfach: Ich bin studierter Geiger und spiele auch immer noch regelmäßig. Der „Anatevka“-Regisseur Ulrich Wiggers wollte keinen Statisten für die Rolle des Fiedlers, der nur so tut, als ob er spielt, während die Töne aus dem Graben kommen. Und da habe ich mich angeboten.

Ich genieße es sehr, auf ganz praktischer Ebene im eigenen Theater unterwegs zu sein. Mit den Ankleidern, Musikern und Maskenbildnern zusammenzuarbeiten und den harten Alltag der Gewerke am eigenen Leib zu spüren, statt nur theoretisch darüber zu sprechen, wenn man mal vorbeikommt, ist für mich ganz entscheidend für die eigene Arbeit. Diese Erfahrung bereichert meine dramaturgische Tätigkeit ungemein.

Buchprojekt über Richard Wagners 'Ring des Nibelungen'

Und nun erscheint auch noch ein Buch über Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Haben Sie „zu viel“ Zeit? Es heißt ja, „der Tag hat 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nehmen wir die Nacht dazu“. Ich war früher viel journalistisch tätig und habe Interviews mit dem Musikwissenschaftler Stefan Mickisch geführt, der ein absoluter Star darin war, Wagners komplexe Welt zu erklären. Nach seinem Tod hatte ich das Gefühl, dass sein enormes Wissen über Wagner und seine Fähigkeit, die vielen kleinen musikalischen Bausteine des Rings zu erklären, nicht verloren gehen darf.

Das war bisher nur in einer teuren CD-Box verfügbar. Und im Sommer, der theaterfreien Zeit, habe ich dieses Tondokument in eine schriftliche Form übertragen. Ich habe auch einen großartigen Zeichner gefunden, der für jedes Motiv eine eigene Illustration angefertigt hat. Es ist jetzt fast eine Art Bilderbuch für Opern-Liebhaber und Profis gleichermaßen. Ich wollte einfach zeigen, dass diese 16 Stunden Wagner-Musik gar nicht so Furcht einflößend sind, wenn man die DNA dahinter versteht.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration