Längen und kein Esprit: Warum Stückls "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" misslungen ist
Die Bühne des Münchner Volkstheaters wird von einem fliederfarbenen Art-Déco-Herrenclub dominiert, der sich in dreifacher Ausführung um sich selbst dreht. Dazwischen erstrecken sich düstere Gänge voller Müll, in denen die Leichen abgelegt werden, die beim Aufstieg des Arturo Ui unweigerlich anfallen. Christian Stückls Inszenierung von Bertolt Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" verspricht eine große historische Gangsterschau, liefert aber trotz eines durchweg motivierten Ensembles vor allem Längen und wenig Überraschendes.
Brechts zeitlose Parabel auf autoritäre Machtergreifung
Bertolt Brecht schrieb sein Stück 1941 im finnischen Exil als scharfe Parabel auf die Machtübernahme Adolf Hitlers. In der Arbeitsfassung finden sich explizite Zeittafeln, die das Geschehen im Stück direkt mit historischen Ereignissen verbinden: der Wirtschaftskrise, dem Korruptionsskandal um Reichspräsident Hindenburg, dem Reichstagsbrand und dem Einmarsch in Österreich. Brecht verlegt diese Vorgänge in die Gangsterwelt Chicagos, wo der Aufstieg des Kleingangsters Arturo Ui zur Herrscherfigur niemanden aufhält.
Der Titel ist dabei Programm – der Ausgang steht von Beginn an fest. Das Publikum soll mitansehen, wie einer vom unbedeutenden Gangster zum mächtigen Herrscher aufsteigt und warum niemand ihn stoppt. 85 Jahre nach der Entstehung des Stücks wirkt diese Parabel erschreckend aktuell, zeigt sie doch Mechanismen, die auch in heutigen Demokratien beobachtbar sind.
Stückls Inszenierung zwischen Art Déco und 70er-Jahre-Schick
Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier hat für Stückls Inszenierung eine visuell interessante Welt geschaffen. Die Mode in diesem Gangsta's Paradise orientiert sich am 70er-Jahre-Schick: Schlaghosen mit Pelzbesatz, Lederanzüge und bunt gemusterte Hemden zu üppigen Föhnfrisuren. Offensichtliche Hitler- oder Trump-Assoziationen sucht man vergebens – Stückl und Hageneier konzentrieren sich stärker auf die zeitlosen Mechanismen von Angst und Macht.
Anton Nürnberg verkörpert den Arturo Ui als abgehalftertes Bürschlein im Feinrippunterhemd, das zunächst keine großen politischen Ambitionen hegt, aber entdeckt, dass sich andere erstaunlich leicht manipulieren lassen. Wie sein historisches Vorbild nimmt Ui Schauspielunterricht, um wirkungsvoller zu gehen, zu stehen und zu sprechen. Pascall Fligg spielt den Schauspiellehrer als abgehalfterte Figur mit Mülltüte in der Hand und Wampe über der Trainingshose.
Seltene Gänsehautmomente in einer langatmigen Lehrstunde
Einer der wenigen Gänsehautmomente des Abends entsteht, als der Schauspiellehrer zu seinem Monolog aus Shakespeares "Julius Cäsar" ansetzt und Ui begreift, was Sendungsbewusstsein wirklich bedeutet. Ein weiterer Höhepunkt bietet sich, wenn Alexandros Koutsoulis als Ernesto Romas Geist aus einer Mülltonne aufersteht und seinen ehemaligen Freund Ui mit dessen Taten konfrontiert – eine Szene von absurder Lust, die dem Abend sonst weitgehend fehlt.
Brechts Text ist über weite Strecken eher episch als dramatisch angelegt, was größere Regieeingriffe notwendig machen würde. Da solche Eingriffe jedoch von der Brecht-Erben-GmbH derzeit noch untersagt sind, muss sich die Regie andere Wege suchen, um die versprochene große Schau zu inszenieren. Stückl gelingt es zwar, die Mechanismen und Motivationen innerhalb der Ui-Gang sowie die Einschüchterung der anderen präzise aufzudecken, findet aber zu wenig Überraschendes in der Vorlage.
Ein durchweg motiviertes Ensemble kann die Längen nicht kompensieren
Das Ensemble zeigt sich durchweg motiviert und engagiert. Salif Dekamo Botz Kamara verkörpert den Reporter Ted Ragg, der vergeblich versucht, in einer korrupten Welt Anstand und Moral hochzuhalten – und dies am Ende mit seinem Leben bezahlt. Carolin Hartmann, Maximiliane Haß, Jonathan Joèl Albrecht, Silas Breiding und Nils Karsten komplettieren das Ensemble im Decor zwischen Art Deco und 70er-Jahre-Ästhetik.
Trotz dieser engagierten Leistungen und trotz Kürzungen am Originaltext zieht sich diese Lehrstunde über das Aufkommen autoritärer Strukturen in die Länge. Die Inszenierung deckt zwar die gefährlichen Mechanismen der Machtergreifung auf, vermittelt diese Erkenntnisse aber ohne den notwendigen Esprit und die theatralische Wucht, die Brechts Parabel verdient hätte.
Christian Stückl, erfolgreicher Intendant des Münchner Volkstheaters und der Passionsspiele in Oberammergau, liefert mit dieser Produktion eine solide, aber letztlich enttäuschende Arbeit. Die Vorstellung läuft am 26. März sowie am 2., 4. und 22. April und am 10. Mai erneut im Münchner Volkstheater.



