Teuflisch gut: Jette Steckels 'Meister und Margarita' an den Münchner Kammerspielen
Teuflisch gut: 'Meister und Margarita' in München

Teuflisch gut: Jette Steckels 'Meister und Margarita' an den Münchner Kammerspielen

Sympathie für den Teufel: Regisseurin Jette Steckel hat Michail Bulgakows legendären Roman „Meister und Margarita“ an den Münchner Kammerspielen in ein furioses Theater-Spektakel verwandelt. In ihrer Inszenierung, die bereits für das Berliner Theatertreffen nominiert wurde, verschmelzen Macht und Ohnmacht, Realität und Surrealität zu einem atemberaubenden Abend.

Woland in Nadelstreifen: Wiebke Puls als mephistophelische Macht

Auf der Bühne steht ein Teufel im Nadelstreifenanzug. Wiebke Puls verkörpert Woland, jene mephistophelische Figur, die als Tourist nach Moskau kommt und dort ihr Unwesen treibt. Allein ihre Performance ist den Besuch wert: Mit silbernen Zähnen, einer Mischung aus Mick Jagger und Al Pacino, performt sie „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones – ein Song, der wie für diesen Auftritt geschrieben scheint. Später hypnotisiert sie sogar einen Zuschauer, während sie eine komplett neue, faszinierende Figur erschafft.

Thomas Schmauser als Meister und Bulgakow

Thomas Schmauser, zuletzt mehrfach ausgezeichnet für seine Rolle als „Mephisto“, spielt sowohl den Meister im Roman als auch den Autor Bulgakow selbst. Mal ist er fahrig und dem Wahnsinn nahe, dann wieder klar und präzise in seiner Gesellschaftskritik. In den Momenten, wo er zum Publikum spricht, von Verboten, Hausdurchsuchungen und Beschimpfungen berichtet, liegt in jeder Faser seines Körpers der Schmerz eines mundtot gemachten Künstlers.

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Ein wilder Ritt durch Mittel und Möglichkeiten des Theaters

Wenn Bulgakows Roman ein wilder Ritt durch Moskau ist, dann ist Steckels Inszenierung einer durch die Mittel und Möglichkeiten des Theaters. Die Regisseurin, Tochter der Bühnenbildnerin Susanne Raschig und des Regisseurs Frank-Patrick Steckel, beginnt mit einer Theaterprobe des „Pontius Pilatus“-Stoffs, die vom Intendanten gecancelt wird: zu wenig erzählerisches Talent, zu viel politische Inhalte. Daraus entwickelt sich ein hitziges Wortgefecht zwischen Schmauser und Martin Weigel als Intendant.

Dann mischt sich Woland ein, begleitet von ihren Gefährten Fagott (Christian Löber) und einem schwarzen Kater (Elias Krischke). Aus der Realität des Theaters entführen sie Figuren und Publikum in eine Welt, in der alles möglich ist. Bühnenbildner Florian Lösche hat einen flirrenden Raum aus Kettenvorhängen kreiert, der sich mal zum klaustrophobischen Sanatoriumszimmer, mal zum Moskauer Straßengewirr formiert.

  • Der Intendant wird in einer Video-Live-Übertragung von einer Straßenbahn geköpft
  • Geld regnet in Form von „666-Fugazi“-Scheinen vom Bühnenhimmel
  • Linda Pöppel als Margarita verwandelt sich in eine nackte, unsichtbare Hexe und fliegt mit dem Besenstil zurück ins Theater
  • Ein hypnotisierter Zuschauer schwebt wie ein Brett über zwei Arbeitsböcken

Die Aktualität von Bulgakows Kritik

Parallel verzweifelt der Meister zunehmend am Irrsinn dieser Welt. Im Sanatorium wird er vom Arzt-Schwester-Duo Erwin Aljukic und Edmund Telgenkämper versorgt, die zuvor schon Pilatus und Jesus verkörpert haben. Am Ende liegt der Meister wie Bulgakow selbst krank danieder und diktiert Margarita sein Buch. Edmund Telgenkämper bleibt als ins Grübeln gekommener Pilatus hängen bei dem Gedanken, dass Feigheit „das größte Laster“ sei – gerade wenn es um aufkommende Gleichschaltung geht.

Jette Steckel widmet diesen Abend allen „artists in isolation“ und zeigt, dass das Zeitalter der Zensur nicht überwunden ist. Ihre Inszenierung kommt dem Wahnsinn, der Rauschhaftigkeit und der Temperatur von Bulgakows Roman so nahe, wie es vielleicht nur geht. Dieser vierstündige Theaterabend ist voll von zauberhaften Momenten, die die Macht der Kunst und der Fantasie aufs Schönste und Verrückteste feiern.

Termine: Münchner Kammerspiele, Maximilianstraße 26-28, weitere Vorstellungen am 12., 22. März sowie im April, Mai und Juni.

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