Theaterprojekt in Suhl beleuchtet das vielschichtige Erbe der Simson-Mopeds
In den kommenden Monaten wird in Suhl ein besonderes Theaterprojekt realisiert, das sich intensiv mit der Geschichte der traditionsreichen Marke Simson und ihrer tiefen Verankerung in ostdeutschen Lebensläufen auseinandersetzt. Unter dem programmatischen Titel „Freiheit: Simson“ sollen Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Künstlern Erinnerungen, historische Brüche und gegenwärtige Deutungen rund um das legendäre Moped auf die Bühne bringen. Das ambitionierte Vorhaben wird vom Theater- und Filmkollektiv „Künstlerische Intelligenz“ organisiert und verfolgt einen partizipativen Ansatz.
Partizipatives Kunstprojekt mit geplanter Uraufführung im Herbst 2026
Regisseur und Initiator Janek Liebetruth betont, dass die Simson kein bloßes Denkmal, sondern ein lebendiger Teil gelebter Erfahrung sei. „Mich interessiert vor allem, was dieses Erbe heute bedeutet und wie wir darüber gemeinsam ins Gespräch kommen können“, erklärt Liebetruth. Die Inszenierung entsteht auf der Grundlage umfangreicher historischer Recherchen, persönlicher Interviews und kreativer Workshops. Zur aktiven Beteiligung eingeladen sind:
- Ehemalige Beschäftigte des Suhler Simson-Werks
- Schrauber und Technik-Enthusiasten
- Jugendliche und junge Erwachsene
- Zeitzeugen der Wendezeit
- Weggezogene und Rückkehrer der Region
Die Uraufführung dieser kollektiven Arbeit ist für den Herbst 2026 auf dem historischen Werksgelände in Suhl geplant, was dem Projekt eine besondere atmosphärische Dichte verleihen wird.
Die Simson als Projektionsfläche für verschiedene Generationen und politische Deutungen
Der Schriftsteller und Journalist Aron Boks beschreibt das Kult-Moped als eine vielschichtige Projektionsfläche. „Die Simson ist ein Identifikationssymbol für eine jüngere Generation im Osten, eine Projektionsfläche der Älteren für eine entfernte Vergangenheit, während sie gleichzeitig für den Kulturkampf von Rechtsextremen genutzt wird“, analysiert Boks. Dieser komplexe Bedeutungsraum bildet den Kern der künstlerischen Untersuchung.
Ausgangspunkt des Projekts ist die äußerst wechselvolle Geschichte des Suhler Unternehmens, die mehrere politische Systeme umspannt:
- Die Gründung durch die jüdische Unternehmerfamilie Simson
- Enteignung und Exil während der NS-Zeit
- Die DDR-Industrieproduktion und ihre Alltagskultur
- Die heutige symbolische Aufladung der Marke in gesellschaftlichen Debatten
Politische Kontroversen und breite Unterstützung für das Projekt
Zuletzt war die Simson bundesweit Gegenstand einer politischen Debatte, nachdem Nachfahren der Gründerfamilie die Nutzung des Namens durch die AfD kritisiert und als „Beleidigung“ bezeichnet hatten. Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke wies diese Vorwürfe zurück. Diese aktuelle politische Dimension wird im Theaterprojekt ebenfalls reflektiert.
Suhls Oberbürgermeister André Knapp (CDU) unterstützt das Vorhaben ausdrücklich. „Die Geschichte der Simson ist ein bedeutender Teil unserer Stadtgeschichte. Sie steht für industrielle Kompetenz, aber auch für Brüche und Neubeginne“, erklärt Knapp. Das Projekt erhält Förderung von mehreren bedeutenden Institutionen, darunter:
- Die Bundeszentrale für politische Bildung
- Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
- Der Fonds Darstellende Künste
- Die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen
Diese breite Unterstützung unterstreicht die gesellschaftliche Relevanz des Themas und die Bedeutung einer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Stück deutsch-deutscher Industrie- und Identitätsgeschichte.



