Die AfD gewinnt stetig an Zustimmung: Im Bund liegt sie fast zehn Prozentpunkte vor der CDU, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist sie nahezu eine Volkspartei, und auch in Berlin legt sie zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD irgendwann mitregiert oder sogar allein regiert, steigt – vielleicht schon bald in Ostdeutschland oder nach der Bundestagswahl 2029. Was dann?
Der Publizist Michel Friedman wurde im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gefragt, wo er leben wolle, falls die AfD in einigen Jahren regiere. Friedman antwortete, er stelle sich diese Frage „heute“ lieber nicht, „weil diese Frage für mich den weiteren Erfolg der AfD antizipiert“. Er fragte zurück: „Haben Sie sich vor zehn Jahren eigentlich vorstellen können, dass man diese Frage … mal wirklich ernsthaft stellen wird?“
Diese Frage ist keine bloße Gedankenspielerei mehr. Sie zwingt zur Auseinandersetzung, ob man in einem von einer antidemokratischen Partei regierten Land leben will – auch wenn man kein Jude ist wie Friedman. Die AfD und ihre Wähler stellen sich gegen eine vielfältige Gesellschaft.
Doch leicht gesagt ist es, wegzugehen. Wo soll man hin? Der Umzug erfordert Planung und Geld. Viele Prominente drohten vor Trumps Wahl, ins Ausland zu gehen, taten es aber nicht. Ist es nicht besser, zu kämpfen und der AfD die Stirn zu bieten?
Vor über zwanzig Jahren schrieb Tocotronic den Song „Aber hier leben, nein danke“. Damals war es ein linker Slogan ohne Ernst, denn die Lage war nicht so schlimm. Heute ist dieser Gedanke realistischer geworden. Man muss kein Linker sein, um sich zu fragen, ob man in einem von der AfD geführten Land leben möchte.



