Michael Bartscher, ehemaliger Brigadegeneral der Luftwaffe, befehligte einst 4000 Soldaten. Nach einem Attentat in Kabul kehrte er sofort zurück – ein Fehler, wie er heute im Interview zum Veteranentag einräumt. Der heute 64-Jährige spricht über seine schwere Verwundung, die posttraumatische Belastungsstörung und die Defizite der Bundeswehr bei der Betreuung von Veteranen.
Der Moment des Attentats
Bartscher erinnert sich genau an den 5. August 2014: „Wir befanden uns an der afghanischen Militärakademie in Kabul in einer Gruppe von etwa 30 Personen. Jemand trug zur Wasserversorgung vor. Plötzlich hörten wir Schüsse. Dann bekam ich einen Schlag auf den rechten Oberschenkel, jemand fiel auf mich drauf.“ Ein afghanischer Innentäter hatte mit einem M16 vier Magazine mit je 30 Schüssen leergeschossen. Ein dänischer Soldat tötete den Angreifer.
Das Projektil steckte dicht an einer Arterie fest. Ein deutscher Gefäßchirurg in Mazar-i-Sharif operierte ihn dreimal. Trotz der Verletzung kehrte Bartscher vier Wochen später nach Afghanistan zurück – eine Entscheidung, die er heute bereut. „Ich dachte an die Menschen, die mir anvertraut waren, und hatte das Gefühl, meine Aufgabe nicht zu Ende gebracht zu haben“, sagt er.
Die Folgen des Traumas
Erst später wurde bei ihm eine schwere posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. „Ich habe immer versucht, das zu rationalisieren“, erklärt er. „Aber ich merke immer wieder bei trauriger Musik oder Bildern von Krieg und Gewalt, dass ich sehr emotional werde. Ich meide Menschengruppen und laute Geräusche. Früher war ich der Harte, bin fünf Marathons gelaufen, Fallschirm gesprungen. Das bin ich heute nicht mehr.“
Die Therapie half ihm, doch die Bundeswehr habe ihn im Stich gelassen. „Wenn man nicht funktioniert, wird man aussortiert“, kritisiert Bartscher. Sein erster Antrag auf Wehrdienstbeschädigung wurde abgelehnt, erst nach zwei Jahren Widerspruch wurde ein Grad der Schädigung von 50 Prozent anerkannt. Kurz darauf erfolgte die Entlassung wegen Dienstunfähigkeit.
Die Rolle der Familie
Bartscher bedauert, dass er sich zu wenig um seine Familie gekümmert habe. „Ich war 45 Jahre Soldat, trug Verantwortung für über 4000 Soldaten und habe mich fast nur auf meinen Dienst konzentriert. Meine Frau kümmerte sich um die Kinder. Das kreide ich auch der Bundeswehr an, die das nicht anerkannte und nicht die notwendige Wertschätzung zum Ausdruck brachte.“
Nach einem schweren Motorradunfall, den Ärzte als versuchten Selbstmord werteten, kämpfte Bartscher um Anerkennung. Die Bundeswehr bestritt jeden Zusammenhang mit den Afghanistan-Einsätzen. „Das Problem eines Wehrdienstbeschädigungsverfahrens ist, dass der Geschädigte beweisen muss, dass der Schaden ursächlich auf den Einsatz zurückzuführen ist. In meinem Fall war das nicht möglich“, sagt er.
Mangelnde Vorbereitung und Wertschätzung
Bartscher kritisiert die Werbekampagnen der Bundeswehr: „Man wirbt nur mit Geld, kostenloser Unterkunft und Kameradschaft. Dabei muss man den Menschen auch sagen, wofür sie dienen: der Verteidigung unserer Werte und der Demokratie. Und dass sie verwundet oder getötet werden können.“ Die Themen Tod und Verwundung würden verdrängt. „Das weiß ich aus meinen Vorträgen bei Bundeswehrgruppen.“
Er fordert eine Gesellschaftspflicht: „Jeder Bürger sollte etwas für sein Land tun. Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Sozialen zu engagieren. Und zwar auch für 50- und 60-Jährige.“ Die allgemeine Wehrpflicht hält er für notwendig, um die richtigen Leute zu gewinnen. „Ohne Wehrpflicht geht es nicht. Nur mit extrinsischen Motivatoren bekommen wir nicht genug Menschen und auch nicht die Richtigen.“
Der Veteranentag als Schritt
Positiv bewertet Bartscher die Einführung des Veteranentages 2024. „Der Tag ist wichtig, um die Gesellschaft und die Soldaten näher zusammenzuführen. Es soll ein lockerer, fröhlicher Tag sein.“ Er selbst engagiert sich beim Veteranentag in Hilden und in Berlin bei Podiumsdiskussionen.
Auf die Frage, was er Bundeswehr-Interessierten mitgeben würde, antwortet er: „Setzt euch mit der Bedeutung von Freiheit und unseren demokratischen Werten auseinander und überlegt euch, wie und wo ihr euch einsetzen könnt, um diese zu schützen.“



