Berlin – Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer (77) hat die Politik von US-Präsident Donald Trump scharf kritisiert und sieht den Westen als gescheitert an. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ warf Fischer Trump vor, ohne Strategie zu handeln: „Ich sehe keine Strategie, keine langen Linien, keine Verlässlichkeit.“ Trump agiere „aus dem Bauch heraus, je nach Tagesgefühl“.
Fischer, einst selbst ein scharfer Kritiker der NATO, zeigte sich tief besorgt über die Entwicklung der USA. „Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der die USA sich zu einer imperialen Macht transformieren“, sagte er. Die USA seien auf dem Weg zu einer Oligarchie, weg von der freien Marktwirtschaft. Das transatlantische Bündnis sei Geschichte: „Man muss es abschreiben, und damit den Westen insgesamt.“
Besonders alarmiert äußerte sich Fischer zu den Plänen der USA im Iran. Er glaubt, dass das ultimative Ziel ein Regime-Change sei, doch was danach komme, bleibe völlig unklar. Die Idee, Kurden als Bodentruppen zu mobilisieren, nannte er „völlig verrückt, ja gespenstisch“. Dies könnte auf einen Bürgerkrieg und ein Auseinanderbrechen des Irans hinauslaufen.
Fischer forderte die Europäer auf, endlich ihre Kräfte zu bündeln. „Getrennt sind wir schwach, gemeinsam aber sind wir immer noch eine Macht!“ Das 21. Jahrhundert werde nicht mehr das Jahrhundert Amerikas sein. Amerika habe seinen Zenit überschritten und beschleunige den eigenen Abstieg, indem es unter Trump den Westen mutwillig eliminiere.
Zum Völkerrecht äußerte sich Fischer zwiegespalten. Einerseits schütze es Unterdrücker und Tyrannen, andererseits warnte er: „Eine Welt ohne Völkerrecht, in der nur Macht zählt, ist eine schlechte, eine unsicherere Welt.“



