Natalie Amiri im Interview: Trumps Rolle im Iran-Krieg und die Hoffnung auf Demokratie
Iran-Krieg: Natalie Amiri über Trumps Rolle und Demokratiehoffnung

Interview mit Natalie Amiri: Trumps Verwicklung im Iran-Konflikt und Perspektiven für Demokratie

Die ARD-Journalistin und gebürtige Münchnerin Natalie Amiri gibt im exklusiven Interview tiefe Einblicke in die aktuelle Kriegssituation im Iran. Die 47-jährige Expertin, die von 2015 bis 2020 das ARD-Studio in Teheran leitete und aktuell in Tel Aviv arbeitet, analysiert die politischen und militärischen Dimensionen des Konflikts.

Die strategische Verwicklung der USA unter Trump

Donald Trump wurde nach Amiris Einschätzung von Israel in diesen Konflikt hineingezogen. „Israel ist es, das durch dieses Regime bedroht ist, weit mehr als die USA“, erklärt die Journalistin. Für Premierminister Benjamin Netanjahu sei der aktuelle Zeitpunkt strategisch günstig gewesen, um die existenzielle Bedrohung durch den Iran ein für alle Mal zu eliminieren. Gleichzeitig stehe Netanjahu innenpolitisch unter Druck und benötige bessere Umfragewerte vor den anstehenden Wahlen.

Die militärische Operation der USA bezeichnet Kriegsminister Pete Hegseth als die komplexeste und größtangelegte aller Zeiten. Während das Militär minutiös vorbereitet sei, hegt Amiri Zweifel am politischen Plan der US-Regierung. „Ich habe eher Zweifel am politischen Plan“, so ihre klare Aussage.

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Unterschiedliche Interessen von USA und Israel

Die Kriegsziele der beiden Hauptakteure unterscheiden sich laut Amiri fundamental: „Die USA streben nach einem möglichen Regimewechsel ein stabiles, kooperationsbereites Iran an, das wirtschaftlich geöffnet ist.“ Im Gegensatz dazu habe Israel vor allem das Interesse, dass Iran dauerhaft keine militärische Bedrohung mehr darstellt. Einige Strategen hielten sogar ein geschwächtes oder instabiles Iran für akzeptabel oder strategisch vorteilhaft.

Die Journalistin betont die strategische Planung Israels: „Ich halte nicht nur das Militär, sondern auch die Politik Israels für so strategisch, dass sie das Vorgehen durchdacht haben, die einzelnen Schritte des Plans zur Zerstörung des Regimes in Teheran.“

Die gespaltene Stimmung im Iran

Die Bevölkerung im Iran bewege sich zwischen extremer Angst und vorsichtiger Hoffnung. Als die Nachricht vom Tod Ajatollah Ali Chameneis zirkulierte, gingen Menschen spontan auf die Straße – trotz laufender Bombardierungen und des allgegenwärtigen Unterdrückungsapparats. Gleichzeitig bereite sich das Regime intensiv vor: Überall seien Checkpoints aufgebaut worden, die elektronische Kommunikation sei ausgeschaltet, und Basidsch-Milizen würden in Fünfergruppen für den Kampfeinsatz trainiert.

Die größte Sorge der Iraner sei laut Amiri, dass die Ermüdungsstrategie des Regimes funktioniere. Durch gezielte Angriffe auf Golfstaaten und die Sperrung der Straße von Hormus könne das Regime wirtschaftlichen Druck aufbauen, der letztlich zu einem vorzeitigen Kriegsende führen könnte. „Dann bliebe Irans Bevölkerung übrig mit einem extrem angeschlagenen, geschwächten, verwundeten, gedemütigten Regime“, warnt Amiri.

Die oppositionellen Stimmen und ihre Differenzen

In der Opposition zeichnen sich deutliche Differenzen ab. Während die eine Gruppe den Krieg als notwendige Intervention betrachtet – vergleichbar mit der Befreiung Deutschlands 1945 – lehnt die andere Gruppe militärische Gewalt kategorisch ab und verweist auf zivile Opfer und die Zerstörung von Kulturerbe wie dem Golestan-Palast.

Eine zentrale Figur ist Reza Pahlavi, der Sohn des gestürzten Schahs, der kürzlich in München vor Hunderttausenden sprach. Während ihn einige als Hoffnungsträger und potenziellen Übergangsführer sehen, kritisieren andere seine mangelnde Teamfähigkeit und befürchten ethnische Konflikte. „Es sind die Menschen im Iran, die eines Tages entscheiden müssen, wen sie haben wollen“, betont Amiri und zeigt sich zuversichtlich: „Ich bin zuversichtlich, dass die Menschen im Iran wissen, wie sie sich dann entscheiden.“

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Die ungewisse Zukunft und die Hydra mit vielen Köpfen

Die Frage der Nachfolge Chameneis bleibt ungeklärt. Auf die mögliche Ernennung seines Sohnes Modschtaba zum Nachfolger reagierte ein hoher israelischer General mit einem knappen „of course not“. Das Regime habe sich jedoch intensiv vorbereitet und bis zur fünften Riege Nachrücker bestimmt. „Die Hydra wird noch ein paar Köpfe nachstellen können“, so Amiris bildhafte Beschreibung.

Die Kosten des Krieges sind immens: Israel soll wöchentlich 2,9 Milliarden US-Dollar aufwenden, während russische Quellen von über 3,5 Milliarden Dollar Schaden allein bei Radaranlagen sprechen. Gleichzeitig profitiere Russland indirekt, da die Ukraine weniger Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten könnte.

Abschließend äußert Amiri die Hoffnung, dass die iranische Bevölkerung nach der militärischen Eskalation tatsächlich die Chance auf demokratische Entscheidungen erhält. Ihre Analyse zeigt ein komplexes Bild zwischen geopolitischen Interessen, militärischer Strategie und den Hoffnungen einer zutiefst gespaltenen Bevölkerung.